Interessenkonflikte wachsen
Zu Guttenberg: Die Emanzipation des Zöglings

Karl-Theodor zu Guttenberg wird seinen Weg in der ganz großen Politik machen, ist Horst Seehofer überzeugt. Das Problem ist nur, dass der junge Wirtschaftsminister und Shooting-Star der CSU dabei den Weg des Parteichefs kreuzen könnte.

BERLIN. Horst Seehofer lässt keinen Zweifel daran, was er von Karl-Theodor zu Guttenberg hält, dem jungen Außenpolitiker, den er binnen weniger Monate erst zum CSU-Generalsekretär, dann zum Wirtschaftsminister beförderte. "Zu Guttenberg gehört zu den ganz großen Politik-Talenten. Der wird seinen Weg in der ganz großen Politik machen", sagte er jüngst vor Journalisten. Entdeckerstolz schwingt da mit. Denn wer, bitte schön, hat zu Guttenberg, diesen Franck Ribéry der Politik, überhaupt in die erste Reihe katapultiert?

Doch ausgerechnet mit dem Hochgelobten droht Horst Seehofer jetzt ein handfester Konflikt. Nach Opel ruft auch der Handelsriese Arcandor nach staatlichen Hilfen. War Opel schwierig, ist die Lösung bei Arcandor noch komplizierter, zumindest für zu Guttenberg persönlich. Folgt er auch hier seiner ordnungspolitischen Überzeugung, kann er es seinem politischen Ziehvater in München kaum mehr recht machen.

Wirtschaftspolitisch liegt der Fall klarer als bei Opel. Arcandor ist ein Paradebeispiel für ein Unternehmen, das bereits vor der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten steckte, sich jetzt also nicht für staatliche Hilfen aus dem Deutschlandfonds qualifiziert. Andererseits hat die Arcandor-Tochter Quelle ihren Sitz in Fürth, so dass im Gegensatz zu Opel bayerische Interessen direkt betroffen sind. Auch im Freistaat ist Wahlkampf. Und Insolvenz ist kein gutes Wort für den Wahlkampf.

Ein Stück weit spürt das zu Guttenberg schon am Mittwoch, als er das Veto der EU-Kommission in Sachen Staatshilfe als Vorentscheidung für Deutschland wertete. Nichts da, schallte es aus München. Am Abend, im Wahlkampf vor der Jakobskirche in Nürnberg, legt Seehofer nach. Staatshilfen für Arcandor müssten genauso sorgfältig geprüft werden wie bei Opel - EU hin oder her.

Zu Guttenberg hat diese Worte wohl vernommen, eine unterschiedliche Meinung aber will er nicht gehört haben. Weder bei Opel noch bei Arcandor sieht er eine breite Diskrepanz. Am Mittwochabend haben er und Seehofer sich nochmal ausgetauscht. "Es gibt keinen Grund, dass unser sehr vertrauensvolles Verhältnis auch nur einen Kratzer abbekommen haben könnte", sagt zu Guttenberg. Das ist so höflich formuliert, wie man es von einem Adelsspross in Ministerwürden erwartet. Und dennoch: Mit der klaren Ablehnung von Staatshilfen für Arcandor setzt sich der Wirtschaftsminister in deutlichen Widerspruch zu seinem mächtigen Mentor. "Mehr Aktion - Bayern muss leuchten", die Zeit dieser freundlichen Aufforderungen, mit denen Seehofer seine Minister täglich per SMS traktierte, ist vorbei. Im Gegensatz zu Seehofer favorisiert zu Guttenberg eine Fusion von Arcandors Karstadt mit der Metro-Tochter Kaufhof. Für diese privatwirtschaftliche Lösung einer "Deutschen Warenhaus AG" wäre zu Guttenberg sogar bereit, eine geordnete Insolvenz von Arcandor als Zwischenschritt zu akzeptieren - auch wenn er als Franke mit Protesten in Fürth rechnen muss.

Dass in der Brust des "Barons aus Bayern", wie die SPD ihn bereits abschätzig tituliert, das starke Herz des Ordnungspolitikers schlägt, musste auch die Kanzlerin lernen. Zu Guttenberg meint, was er sagt. Im Berliner Politalltag überrascht das viele. Nur mit Mühe konnte Angela Merkel ihren jüngsten Minister in der Nacht, in der Opel nicht sterben durfte, vom Rücktritt abbringen. Opel sei "ein Sonderfall", soll die Regierungschefin versichert haben, "es wird keinen zweiten solchen Fall geben."

Und wirklich - Merkel hielt Wort, bisher jedenfalls. Bereits am Dienstag ließ die Kanzlerin in einer Rede durchblicken, dass für Arcandor nur noch wenig Hoffnung bestehe. Guttenberg konnte nachsetzen - geschickt hinter der EU-Kommission versteckt; sie hatte sich gegen Staatshilfen für Arcandor ausgesprochen.

Während sich der leidgeprüfte Wirtschaftsflügel der Union freut, dass zu Guttenberg Ernst macht mit einer Renaissance der Ordnungspolitik, sehen die Liberalen die neue Akzentuierung mit Misstrauen. Zu sehr hat die FDP davon profitiert, die wirtschaftspolitisch von der Union Enttäuschten abwerben zu können. "Ordnungspolitik spielt bei Schwarz-Rot keine Rolle mehr", sagt etwa FDP-Vize Rainer Brüderle, "davon können auch manche Sprechblasen und Stirnfalten des Bundeswirtschaftsministers nicht ablenken."

Dennoch - gerade wegen solcher Äußerungen sind sie in der CSU stolz auf zu Guttenberg. Der Gegner, gleich ob SPD oder FDP, wird nervös, ein gutes Zeichen! Gebannt beobachten die Christsozialen, wie sich das politische Vater-Sohn-Drama entspinnt. "Wenn zu Guttenberg mehr Leute ins Bierzelt lockt als er selbst, ärgert das Seehofer", sagt einer, der es nicht gut mit dem CSU-Chef meint. Geht es bei Arcandor glimpflich ab, droht der nächste Fall in zu Guttenbergs Heimat zu spielen, der die Bayern erst recht auf den Plan rufen würde: Auch der Autozulieferer Schaeffler denkt über Staatshilfen nach.

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