Interview
„Deutschland fehlt ein Atomkraft-Plan“

Der Wahlkampf-Streit um Atomkraft gewinnt an Schärfe. Energiewirtschaftsexperte Hermann-Josef Wagner erklärt im Interview, warum das gefährlich ist, warum die Kraftwerksbetreiber mitschuldig sind an der Debatte und worauf sich die Verbraucher einstellen müssen.

Herr Wagner, was halten Sie davon, dass die Atomkraft immer mehr zum kontrovers diskutierten Wahlkampfthema wird?

Ich sehe die Gefahr, dass dabei den tatsächlichen Möglichkeiten der Kernenergie in der Stromerzeugung nicht sachlich Rechnung getragen wird. Schließlich wird im Wahlkampf ja immer vergröbert und verkürzt, um eine Botschaft in sehr kurzer Zeit rüberzubringen. Im Moment werden viele Alternativen zur Kernenergie angeführt, zum Beispiel solarthermische Kraftwerksprojekte wie Desertec. Verschwiegen wird aber, dass solche Anlagen erst beschlossen, aufgebaut und getestet werden müssen. Es dauert folglich, bis sie in größerem Maße zur Energieversorgung beitragen können. Doch wir benötigen für die Übergangszeit in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine sichere Versorgung - eben durch die Techniken, die heute da sind. Der gröbste Fehler ist also, dass diese Zeitachse nicht gesehen wird.

Aus Ihrer Sicht also kein guter Zeitpunkt für einen Wahlkampf-Streit über Atomkraft?

Genau. Wir haben in Deutschland hervorragende, lobenswerte Konzepte für nachhaltige Stromversorgung in der Zukunft. Es fehlt aber offensichtlich ein schlüssiger Plan, wie wir in diese Zukunft reinkommen wollen.

Auslöser der Debatte war der erneute Störfall im Atomkraftwerk Krümmel. Wie bewerten Sie das Vorgehen des Energiekonzerns Vattenfall als Betreiber des Meilers?

Der Vorfall an sich dürfte kaum sicherheitsrelevant sein. Nach dem, was bislang bekannt ist, hat die Anlage genau das getan, was von ihr verlangt wird: Sie hat sich abgeschaltet. Natürlich müssen die nationalen Behörden den Vorfall noch auf der siebenstufigen Störskala der internationalen Atomenergieagentur einordnen. Zum Vergleich: Der Brand der Transformatoren im Sommer vor zwei Jahren in Krümmel wurde in Bezug auf kerntechnische Sicherheit in die Stufe Null eingeordnet, hatte also keine nennenswerte Bedeutung. Mit Blick auf die Bevölkerung stellt der Zwischenfall allerdings eine Katastrophe dar. Die Öffentlichkeit erwartet bei einem Kernkraftwerk, dass keinerlei Fehler passieren, egal, ob im konventionellen oder im kerntechnischen Bereich. In Krümmel sind nun mehrfach Fehler passiert - und nicht immer hat der Betreiber dabei angemessen informiert.

Welche Konsequenzen hat das für die Stimmung in der Bevölkerung?

Zuletzt hatte ich den Eindruck, dass insbesondere die jüngere Generation das Thema Atomkraft für sich neu aufarbeitet und sachlicher bewertet. Im Augenblick sieht es nun wieder so aus, als würde die alte Lagerbildung zurückkehren, die in Deutschland viele, viele Jahrzehnte herrschte, wenn es um die Nutzung der Kernenergie ging. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen wie durch alle Parteien hielten sich Befürworter und Gegner dabei in etwa die Wage.

In Deutschland sind noch 17 Atomkraftwerke am Netz, die je nach Restlaufzeit bis 2020 nach und nach abgeschaltet werden sollen. Sie fordern eine Verlängerung der Laufzeiten. Warum?

Die Begründung dafür ist ganz einfach: Wir können uns für eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke entscheiden, weil das die Frage des massiven Ausbaus der erneuerbaren Energien gar nicht berührt. Ganz im Gegenteil. Wir haben einen Baukasten von verschiedenen umweltfreundlichen Techniken, die soweit entwickelt werden, dass sie langfristig einsetzbar sind. Dazu zählt die Windenergie, die mit den großen Windparks am weitesten fortgeschritten ist und am schnellsten nennenswerte Beiträge an Energie liefern kann. Allerdings bleibt hier das Problem der Backup-Kraftwerke, wenn der Wind ausbleibt. Das leisten derzeit nur Kernkraftwerke sowie Öl-, Gas- und Kohlekraftwerke. Dann gibt es Solarfarmkraftwerke. Kalifornien hat nachgewiesen, dass diese funktionieren. Nun entstehen solche Anlagen auch im Mittelmeerraum, allerdings ist hier noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten. Bis von diesen Techniken 30 oder gar 40 Prozent der Stromerzeugung bestritten werden, gehen Jahrzehnte ins Land.

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