Interview mit Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der DFG
„Blairs Forschungspolitik sollte Vorbild sein“

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, fordert einen Wissenschaftler am Kabinettstisch und empfiehlt der Bundesregierung dabei den Blick nach Großbritannien.

Sie fordern einen Wissenschaftler am Kabinettstisch wie in Großbritannien. Reicht Ihnen auch eine Physikerin als Kanzlerin?

Winnacker: Natürlich kann es nicht schaden, wenn ein Kanzler Naturwissenschaftler ist. Aber die Funktion eines Chief Scientific Adviser so wie in Großbritannien ist eine etwas andere. Diese Person – unabhängig und hoch geachtet – soll dafür sorgen, dass Entscheidungen der Regierung den neuesten Stand der Forschung berücksichtigen. Da wäre aktuell etwa das Beispiel der Vogelgrippe. Hätten wir schon früher einen Chief Scientist gehabt, wäre etwa die Diskussion um Fragen der Demographie, der Gentechnik oder der Kernenergie mit Sicherheit anders gelaufen.

Die Forschungsfrau des Kompetenzteams der Union, Annette Schavan, will stattdessen einen „Rat der Weisen“ einrichten – nach Vorbild des Sachverständigenrates.

Winnacker: Das kann man auch tun, es ist aber kein Ersatz. Ein Chief Scientist wäre unmittelbar beim Bundeskanzler angesiedelt und könnte schneller reagieren. Zudem berät er nicht nur ein Ministerium, sondern die ganze Regierung – die übrigens frei ist, seinem Rat zu folgen. Es gibt in Deutschland vier, fünf Wissenschaftler, die das Format für diese Aufgabe hätten.

Was erwarten Sie von der nächsten Bundesregierung?

Winnacker: Dass sie die Wissenschaft sehr breit fördert, die Universitäten stärkt und die Gesetzeslage bereinigt, damit bestimmte Forschung nicht von vorneherein verhindert wird.

Konkret?

Winnacker: Bei der Stammzellforschung muss in den nächsten zwei Jahren die Stichtagsregelung ganz fallen oder zumindest in eine nachlaufende Regelung umgewandelt werden. Deutsche Forscher dürfen derzeit nur mit importierten Zellen arbeiten, die vor dem 1. Januar 2002 entstanden sind. Die sind aber mittlerweile veraltet – international werden längst andere benutzt. Bei einer nachfolgenden Regelung würde der Stichtag verschoben, etwa auf den 1. Januar 2005. Auch die Strafandrohung für deutsche Forscher, die im Ausland mit Stammzellen arbeiten, muss fallen. In Großbritannien gibt es eine neue Stammzellbank, die mit standardisierten Zellen arbeitet und damit eine ideale Basis schafft – aber wenn ich einen Forscher dorthin schicke, mache ich mich strafbar. Stattdessen werfen wir gutes Steuergeld alten Stammzelllinien hinterher. Und das, wo etwa bei der Behandlung von Diabetes in absehbarer Zeit mit Hilfe von Stammzellen Therapien möglich werden, vielleicht auch bei Querschnittslähmung. Daneben muss der Bund die Forschung in der grünen Gentechnik auch im Freiland erlauben, die wegen der Haftungsregelung heute faktisch verboten ist.

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