Interview mit Richard Hilmer
„Basta-Politik ist nicht mehr durchsetzbar“

Der Wahlforscher und Demoskop spricht mit dem Handelsblatt über das Dilemma der Volksparteien, die unberechenbaren Jungwähler und die Rolle des Internets im Wahlkampf.
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Handelsblatt: Herr Hilmer, 2009 war geprägt von der Krise, vom Primat der Politik war die Rede, Karl Marx wurde zitiert. Und doch haben die Menschen FDP gewählt. Warum hat der Wähler so votiert?

Richard Hilmer: Es gab etliche, die bereits im Aufschwung nicht profitiert hatten. Mit der Krise verschärfte sich deren Gefühl, weiter ins Hintertreffen zu geraten. Da war das Versprechen der FDP, mehr Netto vom Brutto in der Tasche zu haben, verlockend. Die SPD wurde für die weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich verantwortlich gemacht. Auf diese Weise stand die FDP für Gerechtigkeit: mehr vom gesamtwirtschaftlichen Kuchen für alle.

HB: Welches war die wichtigste Entwicklung im Superwahljahr?

Hilmer: Prägend waren sicher die erheblichen Verluste der SPD, zunächst bei der Europa-, danach bei der Bundestagswahl. Das hat langfristige Folgen. Außerdem hat sich ein unguter Trend fortgesetzt: Immer weniger gehen zur Wahl.

HB: Die SPD hat seit 1998 die Hälfte ihrer Wählerschaft verloren.

Hilmer: Vor allem hat sie als Volkspartei nur noch 23 Prozent erreicht. Das gab es noch nie.

HB: Wie kann es sein, dass eine Partei so den Kontakt verliert?

Hilmer: Das ist sicher eine der großen Fragen, die die SPD noch für sich beantworten muss. Ein Grund war sicher, dass sie mit preußischen Tugenden agiert hat: Einmal beschlossen, bleibt alles, wie es ist. Das galt für die sensiblen Elemente der Agenda 2010. Gleichzeitig hat sie es nicht geschafft, ihrer Klientel die aufgebürdeten Opfer zu vermitteln, Verständnis zu wecken, zu überzeugen, eben Politik zu machen. Bei der Rente mit 67 das Gleiche: von oben eingesetzt und diktiert. Diese Form von Basta-Politik ist nicht nur in der SPD nicht mehr durchsetzbar. Auch die Bevölkerung lehnt diesen Stil ab.

HB: 23 Prozent für die SPD, 27 für die CDU ohne die CSU. Wie lange gibt es noch Volksparteien?

Hilmer: Solange sie ihre Dominanz im jeweiligen politischen Spektrum behaupten können.

HB: Das gilt nicht mehr für die SPD.

Hilmer: Im linken Lager ist es prekär geworden. Die SPD bekommt gerade noch so viele Stimmen wie Linkspartei und Grüne zusammen. Da stellt sich die Frage: Wie halten es die Parteien miteinander? Sind sie wirklich ein Lager? Zweifel sind da angebracht, wenn man die Grünen im Saarland betrachtet, die lieber mit der Union und der FDP koalieren. Bei der Union ist die Dominanz als Volkspartei noch gegeben, wenn auch abgeschwächt, hat sie doch viele Wähler an die Liberalen verloren. Mit ihrer Familienpolitik hat sie sich allerdings für wichtige neue Zielgruppen geöffnet.

HB: Das klingt alles nicht positiv.

Hilmer: Das heißt ja nicht, dass die SPD nicht wieder erstarken könnte. Aber die Wählerschaft ist deutlich heterogener geworden. Es fällt deshalb heute der Union, vor allem aber der SPD schwer, sehr unterschiedliche Wählerschichten dauerhaft zu binden - ein Wesensmerkmal der Volksparteien. Nur noch ein Drittel der Arbeiter und Gewerkschafter wählt SPD; weniger als die Hälfte der katholischen Bevölkerung stimmt für die Union.

HB: Alles scheint möglich.

Hilmer: Vieles, das zeigt das Beispiel der Jungwähler. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen gibt es inzwischen ein breitgefächertes Spektrum wählbarer Parteien. Die Union kommt da nur noch auf 25 Prozent, die SPD auf 18. Bei den Frauen sind in dieser Altersgruppe die Grünen auf Augenhöhe mit der SPD; bei den Männern ist es die FDP, wobei hier noch die Piratenpartei mit zwölf Prozent hinzukommt. Und wenn Sie nach Ost und West aufteilen, dann kommt bei den männlichen Neuwählern mit der NPD sogar noch eine siebte Partei dazu, die fast an die Zehn-Prozent-Marke herankommt.

HB: Laufen wir auf ein Sechs- oder gar Sieben-Parteiensystem zu?

Hilmer: Das nicht unbedingt. Aber auf ein Fünf-Parteiensystem muss man sich auf Dauer schon einstellen. Wähler richteten sich früher nach den sozialen Milieus aus, in denen sie aufwuchsen. So etwas prägte fürs Leben. Sieben von zehn 60- bis 70-Jährigen etwa wählen die Volksparteien; bei den über 70-Jährigen sind es sogar fast drei Viertel. Jungwähler sind heute viel offener, da spielen politisch prägende Milieus keine so dominierende Rolle mehr. Offen ist, ob es zumindest weiter eine lagerspezifische Orientierung geben wird. Die Piratenpartei lässt sich weder links noch rechts einordnen.

HB: Woran liegt die Offenheit?

Hilmer: Zum einen an der sinkenden Bedeutung sozialer Milieus, zum anderen am unterschiedlichen Informationsverhalten. Heute gibt es viele Informationswege und Kommunikationsformen, über die politische Meinungsbildung stattfindet. Die junge Generation versammelt sich nicht mehr wie früher um acht zur "Tagesschau".

HB: Müssen die Parteien also wieder stärker an der Basis werben?

Hilmer: Der Tapeziertisch in der Innenstadt als Wahlkampfplattform ist sicher nicht die Antwort. Selbst die Bühnen auf Marktplätzen, die ja vornehmlich für die Fernsehberichterstattung aufgestellt werden, wirken nicht mehr so wie früher. Aber eine Mischung aus persönlicher Kommunikation und neuen Kommunikationsmitteln scheint mir erfolgversprechend.

HB: Die Piratenpartei hat ihre Wähler über das Internet gewonnen.

Hilmer: Das zeigt, wie schnell Bewegungen entstehen können. Die Partei hatte maximal ein halbes Jahr Vorlauf. Bei der Netzwerkkommunikation fühlten sich die Teilnehmer eingebunden. Barack Obama schickt heute noch E-Mails an seine Wählergemeinde.

HB: Die Volksparteien pflegen teure Parteizentralen und Ortsvereine. Ist das noch zeitgemäß?

Hilmer: Wenn es sich darauf beschränken würde, sicher nicht. Eine große Mitgliederzahl ist nach wie vor ein Vorteil. Parteien sollten ihre Anhänger aber nicht statisch als Rekrutierungsbecken für Nachwuchs begreifen, sondern als kommunikative Ressource - nicht nur in Wahlkämpfen, sondern auch in der Zeit dazwischen.

HB: Wenn wir so unsicheren Zeiten zusteuern: Was heißt das für Ihre Arbeit als Demoskop?

Hilmer: Wenn sich immer mehr Wähler immer später entscheiden, wen sie wählen, müssen wir deutlich machen, dass wir in Vorwahlzeiten nur Stimmungen messen können, nicht tatsächliche Wahlergebnisse. Es wird auf jeden Fall immer schwerer, ein Ergebnis vorherzusagen.

Vita

Der Forscher: So unstetig sich die Wähler inzwischen zeigen, Richard Hilmer gehört zu den Stetigen in der Berufswelt. Der 57-Jährige ist nicht nur einer der profiliertesten Meinungsforscher des Landes, er arbeitet auch seit dem Studium bei ein und demselben Arbeitgeber. In den 70er-Jahren hatte er Soziologie, Psychologie und Wirtschaftsgeschichte in München studiert und begann seine Karriere 1982 als Projektleiter bei Infratest Burke, das seit 1997 als Infratest Dimap firmiert. Seit diesem Jahr ist er dort Geschäftsführer.

Das Unternehmen: 1996 erhielt das Berliner Infratest-Institut gemeinsam mit dem Bonner Dimap-Institut den Zuschlag der ARD für die Wahlforschung. Es entstand Infratest Dimap. Seither erforscht es für die ARD die politische Stimmungslage der Deutschen und liefert dazu regelmäßig den "Deutschlandtrend".

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent

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