Investitionsrückgang
Finanzkrise reißt Lücke in die Energieversorgung

Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland auf 30 Prozent wachsen. Dieses optimistische Ziel rückt durch die Finanzkrise vorerst in weite Ferne. Der Investitionsrückgang hat die Energiewirtschaft erfasst und auch gefährdet den Bau neuer konventioneller Kraftwerke.

BERLIN. Die Finanzmarktkrise durchkreuzt die Pläne der Bundesregierung zum Ausbau der erneuerbaren Energien, und auch der Bau neuer konventioneller Kraftwerke gerät ins Stocken. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Unternehmensberatung A.T. Kearney gestern vorgestellt hat. Der Investitionsrückgang wird für die Verbraucher spürbare Folgen haben: Die Strompreise steigen nach Überzeugung der Unternehmensberatung mittelfristig „um mindestens 50 Prozent“.

Die Finanzkrise werde zu „großen strukturellen Veränderungen in der Energiewirtschaft führen“, sagte Florian Haslauer, Energieexperte bei A.T. Kearney, voraus. Ausschlaggebend für die Veränderungen sind die Fremdkapitalkosten, die sich im Zuge der Krise auch für die großen und finanzstarken europäischen Energieversorgungsunternehmen erhöht haben. „Dies führt zu einer deutlich sinkenden Attraktivität von Kraftwerksinvestitionen und zu einem verstärkten Anreiz, alte, abgeschriebene Kraftwerke länger zu betreiben“, sagte Haslauer.

Dabei wären Investitionen in neue Kraftwerke dringend erforderlich. Innerhalb der EU müssen nach Berechnungen von A.T. Kearney bis 2020 neue Kraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 383 Gigawatt gebaut werden, um alte Anlagen zu ersetzen und zusätzlichen Strombedarf abzudecken. Dies entspricht einem Investitionsbedarf von 400 bis 500 Mrd. Euro. Jährlich werden damit Investitionen von 30 bis 40 Mrd. Euro fällig. Angesichts der sich erschwerenden Finanzierungsbedingungen dürften die Investitionen jedoch in den kommenden Jahren „um mindestens zehn Mrd. Euro geringer ausfallen, als es notwendig wäre“, so Haslauer. Die Erzeugungskapazitäten werden also knapp, die Preise steigen.

Von der Tendenz her deckt sich die Schlussfolgerung mit den Ergebnissen einer 2008 veröffentlichten Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena), die zu dem Ergebnis kommt, dass Deutschland in einigen Jahren mit einer Stromversorgungslücke zu kämpfen hat. Die Studie war allerdings bereits vor Beginn der Finanzmarktkrise fertig. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatte dagegen noch Ende vergangenen Jahres für die Jahre 2008 bis 2010 Investitionen der Versorgungsunternehmen im Volumen von 56 Mrd. Euro in Aussicht gestellt. In der Branche gibt es allerdings Zweifel, ob sich der Wert erreichen lässt: „Im Moment stehen viele Projekte auf dem Prüfstand“, heißt es. Tatsächlich hatten zuletzt auch große Versorger angekündigt, sie wollten Investitionen zumindest aufschieben.

Nach Einschätzung von A.T. Kearney werden die erneuerbaren Energien besonders stark von den erschwerten Finanzierungsbedingungen betroffen sein. Da die Initiatoren von Projekten wie Offshore-Windkraftanlagen meist weniger kapitalkräftig seien als die etablierten Energiekonzerne, hätten sie heute erhebliche Schwierigkeiten, eine Finanzierung zu stemmen. Viele Banken machten einen Rückzieher.

Die Entwicklung treibt auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) um. Er hatte die Vertreter der Erneuerbare-Energien-Branche bereits Mitte Dezember zu einem Krisentreffen eingeladen.

Die regenerativen Quellen liefern 15 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms. Der Anteil soll bis 2020 auf 30 Prozent wachsen. Das dürfte schwierig werden: Die Finanzkrise bremse den Ausbau, die Ausbauziele seien gefährdet, sagte Haslauer. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) sieht das weniger pessimistisch. Zwar seien die Banken bei der Kreditgewährung derzeit sehr zurückhaltend. Langfristig aber sprächen alle Fundamentaldaten für die Erneuerbaren, sagte BEE-Geschäftsführer Björn Klusmann dem Handelsblatt.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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