Johannes Ludewig
„Wir standen unter ungeheurem Zeitdruck“

Der spätere Bahnchef Johannes Ludewig war Anfang der 90er Jahre Helmut Kohls Koordinator für die neuen Länder. Vor 20 Jahren war er hautnah dabei, als in kürzester Zeit zwei sehr unterschiedliche Volkswirtschaften zusamengeführt werden mussten. Er besprach seine Erinnerungen an die Wiedervereinigung mit Roman Pletter.
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Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, hatten Zehntausende Bürger der DDR das ostdeutsche Zwangssystem, den Unrechtsstaat zwischen Oder und Elbe, zu Fall gebracht und die Tür zur Freiheit aufgestoßen.

Doch trotz aller Euphorie und Freude, die ich selbst darüber empfand, musste ich mich als im Bundeskanzleramt für Wirtschaftsthemen Verantwortlicher auf einmal mit sehr nüchternen Fragen auseinandersetzen: Wohin soll der Weg nun führen? Soll die Wiedervereinigung schnell kommen oder Schritt für Schritt? Soll der Osten Deutschlands einen eigenen Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus gehen oder gleich die Soziale Marktwirtschaft einführen?

Wir, die Politiker und Spitzenbeamten, standen unter großem Druck, Antworten auf diese Fragen zu finden, zumal immer mehr DDR-Bürger mit den Füßen abstimmten - allein im Januar 1990 kamen über 200 000 in den Westen.

Die große Antwort auf diese Fragen war die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, die mit dem sogenannten 1. Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR am 18. Mai 1990 in Bonn begründet wurde.

Dieser Vertrag war der entscheidende Schritt zur deutschen Einheit. Denn er legte nicht nur die Einführung der D-Mark in der DDR zum 1. Juli fest. Am wichtigsten war, dass dieser Vertrag alle relevanten Strukturen in Währung, Wirtschaft und Sozialstaat so stark zusammenführte, dass dies zwangsläufig zur deutschen Einheit führen musste.

Nächtelange Diskussionen über Währungsunion

Wie ist es zu diesem Vertrag gekommen? Auslöser war - ich erinnere mich noch sehr genau - ein Artikel von Ingrid Matthäus-Maier, damals finanzpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, der Mitte Januar 1990 in der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien. In dem Artikel forderte sie, ohne lange Übergangszeiten direkt über eine deutsch-deutsche Währungsunion zu verhandeln.

Vor dem Hintergrund der rasant zunehmenden Übersiedlerströme von Ost nach West ("Entweder kommt die D-Mark zu uns, oder wir kommen zur D-Mark!") wirkte dieser Artikel wie ein Funke in einem trockenen Heuhaufen. Innerhalb von nur zwei Wochen schwenkte die ganze politische Diskussion zu diesem Thema um.

Auch im Kanzleramt wurde ab Ende Januar von den frühen Morgenstunden bis spät in die Nacht darüber diskutiert, ob ein direkter Weg in die Währungsunion gangbar ist.

Am Ende eines dieser Gespräche fragte Bundeskanzler Helmut Kohl mich nach meiner Meinung. Meine Antwort: Ich sehe keine Alternative. Denn Tag für Tag verlor der Osten qualifizierte Fachkräfte an den Westen mit seiner auf Hochtouren laufenden Konjunktur - Fachkräfte, die wir dringend für den bevorstehenden Aufbau Ost brauchten. Außerdem wussten wir, dass sich die großen außenpolitischen Themen der Neugestaltung Europas und Deutschlands nur weiterbewegen ließen, wenn Antworten auf die drängenden wirtschaftlichen Fragen gefunden würden. Gleichzeitig mussten wir die großen ökonomischen Risiken einer Währungsunion bedenken.

Wir standen unter ungeheurem Zeitdruck. Niemand wusste, wie lange das Zeitfenster für politische Veränderungen in Europa offen bleiben würde. Am 6. Februar bot Bundeskanzler Helmut Kohl der DDR Verhandlungen über eine Währungsunion an. Bereits 14 Tage später begannen die offiziellen Expertengespräche unter Leitung von DDR-Finanzminister Walter Romberg und dem damaligen Finanzstaatssekretär Horst Köhler.

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  • Wir haben allen Grund, die deutsche Einheit zu feiern. Allein jene Mitbürger, die infolge der 2+4-Verträge alle illusionen auf ihre frühere Heimat endgültig verloren, müssen diesen Umstand akzeptieren und die Chancen nutzen, die das gemeinsame Europa bietet. Die teilweise kritischen Töne in Ost und West zur Wiedervereinigung verblüffen dennoch. Dabei verblüffen nicht primär die Sachargumente, sondern der Ort der Verwurzelung in der Gesellschaft. Zweifelsfrei sind die blühenden Landschaften entstanden. Ostdeutsche Städte sehen besser als je zuvor in ihrer mehrhundertjährigen Geschichte. Die westdeutschen Kommunen lamentieren auf hohem Niveau. insgesamt geht es unserer bevölkerung viel besser als den Generationen der Väter, Großväter und Urgroßväter. Dazu zählen insbesondere Errungenschaften, die nicht in Euro oder Cent messbar sind – wie z.b. der Frieden. Hunger muss niemand leiden, ein Dach über dem Kopf finanziert unsere Gesellschaft jedem. Umso unverständlicher ist, dass das Lamentieren über Folgen der Einheit in Teilen der „einfachen Leute“ angesiedelt ist. Kritik im Sinne von konstruktiver Selbstkritik sollte vielmehr aus den Reihen der Politiker und Regierungen kommen. Aber dort feiert man sich selbst, statt die zweifelsfrei drückenden Probleme zu nennen, zuzuordnen und zu lösen. Die gilt z. bsp. für die zeitlich unabsehbare Schuldenfinanzierung der blühenden Landschaften. Polen, Tschechien und die Slowakei haben auch blühende Landschaften aus eigener Kraft geschaffen. Da die bevölkerung keinen Einfluss auf die Umstände hat, die speziell in D. den permanenten Transferbedarf verursachen, sollten sie fröhlich das Erreichte feiern und genießen dürfen. Gleiche Unbekümmertheit darf es bei den staatlichen Führungseliten nicht geben. Dort muss der Lösungsdruck erheblich erhöht werden. im Mittelpunkt müssen Anstrengungen stehen, die die Kraft zum blühen von Landschaften aus dem eigenen boden in überschaubarer Frist ermöglichen. Dazu müssen insbesondere die Folgen der Vernachlässigung der Sanierung ostdeutscher betriebe überwunden werden. Die Währungsunion hat das Sanierungsversäumnis nur schonungslos offen gelegt. Verursacher war sie nicht. Grund zur Mutlosigkeit besteht dennoch nicht: Die in den letzten 20 Jahren geschaffene hervorragende infrastruktur gilt es nun finanz- und wirtschaftspolitisch zu nutzen. Die Verantwortung dafür liegt allein bei den politischen Eliten; ihnen hat die Verfassung die drei Gewalten zugewiesen. Werden sie genutzt, wird auch die ostdeutsche Wirtschaft quantitativ sehr schnell wachsen und die Selbstfinanzierung der blühenden Landschaften erwirtschaften. An qualitativem Wachstum mangelt es nicht, die ostdeutschen Leuchttürme sind der Konkurrenz häufig weit überlegen.

  • wenn die idioten unter irgendwelchem "Druck" standen, dann höchstens unter selbst produziertem !!!!!
    Kohl, Schäuble; Ludewig .... alle reden eine Scheisse daher ... unfassbar
    redet Euch die Welt schön ihr Vollidioten.

    die Realität sah damals ganz anders aus! nur auf die damals wirklich guten Ratschläge von Volkswirtschaftlern hat das überhebliche Politpack nicht gehört, weil für die nur von interesse war, bei der nächsten Wahl an der Macht zu blieben ...
    ganz wie Mutti heute
    ZUM KOTZEN ist das

    wo bleibt Sarazzin??

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