Jost de Jager
Auf Abwegen zur Spitzenkandidatur

Jost de Jager will Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden, dabei kam er eher zufällig zur Spitzenpolitik. Für den Geisteswissenschaftler begann die Karriere erst spät - dafür aber umso steiler.
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KielJost de Jager strahlt, als hätte er die Landtagswahl im Norden haushoch gewonnen. Seine Anhänger jubeln. „Jost de Jager Ministerpräsident“ singen sie rhythmisch. Der CDU-Spitzenkandidat kommt kaum zum Reden. „Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben“, ruft der 47-Jährige. Dabei hat er sein Ziel, die CDU zur mit Abstand stärksten Partei zu machen, nicht erreicht.

Nur ganz knapp lag die CDU am Abend vor der SPD um deren Vormann Torsten Albig. 31,5 Prozent hatte de Jager vom scheidenden CDU-Regierungschef Peter Harry Carstensen (65) aus der Wahl 2009 ins Gepäck gelegt bekommen. De Jager blieb noch darunter, erhob aber den Anspruch, Regierungschef zu werden. Allerdings hat er kein Mandat mehr im Landtag, weil die CDU alle ihre 22 Sitze über Direktmandate abdeckt - de Jager ist nicht darunter. Ministerpräsident könnte er freilich werden.

De Jager ist beileibe kein Volkstribun und kein „Knuddeltyp“ wie Carstensen. Pragmatisch, fleißig, kompetent, ein bisschen bieder - so wird de Jager oft beschrieben. Er sieht sich als Teamplayer mit Macherqualitäten. Der Pastorensohn gilt als blitzgescheit und konfliktfähig.

Spitzenkandidat wurde er erst, nachdem sein Vorgänger als CDU-Landesvorsitzender, Christian von Boetticher, im vorigen Jahr über eine frühere Beziehung zu einer 16-Jährigen gestolpert war. Wie selbstverständlich, ohne nennenswerten Widerstand in der Partei, übernahm der Wirtschaftsminister die neue Rolle.

„Wir haben gekämpft“, betonte de Jager am Wahlabend und erinnerte daran, dass Rot-Grün bei seinem Antritt als Spitzenkandidat im vorigen September noch klar vorne gelegen hatte.

De Jagers Weg nach ganz oben dauerte nach einem Frühstart ziemlich lange. Noch als Volontär kam de Jager 1996 in den Landtag. Seine Themen: Europa, Bildung, Hochschulen. 2005 wurde er Staatssekretär im Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium, 2009 Minister. Konsequent verteidigte er 2010 den damaligen Plan der schwarz-gelben Koalition, die Medizinische Fakultät in Lübeck zu schließen, auch gegen massive Proteste.

Im Wahlkampf legte er im Endspurt eine härtere Gangart ein, gegen Albig und gegen eine mögliche Koalition aus SPD, Grünen und SSW (Südschleswigscher Wählerverband). Er offenbarte aber, dass ihm die Abteilung Attacke nicht gerade auf den Leib geschrieben ist.

De Jager lebt in Eckernförde mit Frau und 16-jähriger Tochter. Abgesehen von einem Studienaufenthalt in Belfast blieb er immer im Norden: Abitur in Kronshagen, Wehrdienst bei der Marine, Studium (Geschichte, Englisch, Politik) und Presse-Volontariat in Kiel, dann Landtag und Regierung.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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