Kapitalbeteiligung
In der Krise boomt die Mitarbeiterbeteiligung

Der Vorgang ist gleich doppelt paradox: „Teilhabe am Aufschwung“ proklamierte die Regierung im vergangenen Jahr und beschloss, dass Arbeitnehmer stärker an Gewinn und Kapital ihrer Firmen beteiligt werden sollen. Jetzt tritt das neue Gesetz dazu nach langer Vorarbeit in Kraft – doch statt im Aufschwung steckt die Wirtschaft mittlerweile in der tiefsten Krise.

BERLIN. Wo Gewinne winkten, herrscht Furcht vor Personalabbau. Trotzdem aber – zweites Paradox – könnte nun ausgerechnet dies der Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung aus ihrem jahrelangen Schattendasein helfen. „Viele haben geglaubt, dass dieses Instrument jetzt völlig in den Hintergrund gerät“, räumt Gerald Weiß ein, CDU-Sozialpolitiker und Vorkämpfer für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung. „Nun aber sehen wir genau das Gegenteil.“ Selbst eine Gewerkschaft wie die IG Metall, die dem Ansatz stets skeptisch gegenüberstand, zeige heute eine „ganz neue Aufgeschlossenheit“, erkennt Weiß.

Tatsächlich wird derzeit in prominenten Unternehmen unter völlig neuen Vorzeichen offen Kapitalbeteiligungsmodelle geprüft. Beim krisengeschüttelten Autobauer Opel hat der Betriebsrat schon einen Plan vorgelegt, wonach die Beschäftigten auf Lohn verzichten und dafür Kapitalanteile erwerben sollen. Mögliches Volumen: eine Mrd. Euro. Ähnliches wird beim in Schieflage geratenen Autozulieferer Schaeffler derzeit in Arbeitsgruppen diskutiert.

Anstatt als Gratifikation für Boomzeiten, so die neue Logik, dient die Kapitalbeteiligung – auch Investivlohn genannt – nun immer öfter als Tauschmittel für Krisenfälle. Lohnansprüche der Belegschaft in der Gegenwart werden in mögliche Gewinnansprüche in der Zukunft umgewandelt – was dem Betrieb kurzfristig eventuell überlebenswichtige Liquiditätsspielräume verschaffen soll.

Noch geht die IG Metall vorsichtig damit um. „Man muss gelassen diskutieren, wo Kapitalbeteiligungen der Arbeitnehmer sinnvoll sein können“, sagte ihr zweiter Vorsitzender Detlef Wetzel dem Handelsblatt. „Als möglichen Teil einer Strategie zur Krisenbewältigung sehen wir dieses Instrument allerdings nur bei solchen Unternehmen, für die es wirklich Spitz auf Knopf steht – und das wird hoffentlich eine sehr begrenzte Zahl von Einzelfällen bleiben.“

Klar sei für die IG Metall, dass Arbeitnehmer für Lohnverzicht eine Gegenleistung erwarten könnten. „Der typische Fall ist bislang, dass das Unternehmen im Gegenzug Investitionen oder den Erhalt von Arbeitsplätzen zusagt“, betont Wetzel. Nur wo es dafür keine wirtschaftlichen Spielräume mehr gebe, „bleibt als letzte Option die Kapitalbeteiligung“.

Doch auch jenseits der Autoindustrie stößt das Modell auf Sympathie. Etwa bei der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), die traditionell weniger Vorbehalte gegen Kapital in Arbeitnehmerhand hat: „Womöglich werden wir in nächster Zeit noch verstärkt mit der Frage konfrontiert, ob Arbeitnehmer Beschäftigungssicherung in ihren Betrieben durch neue Modelle unterstützen können“, sagt IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt. „Da ist es ein interessanter Ansatz, gestundetes Geld über Kapitalbeteiligungen an die Mitarbeiter zurückfließen zu lassen.“ Im Idealfall lasse sich in den Unternehmen so „eine neue Vertrauensebene schaffen“, hofft er. Insofern sei diese Art Krisenhilfe „vielleicht sogar ein erster Schritt, um alte Vorbehalte gegenüber Mitarbeiterkapitalbeteiligungen abzubauen“.

Auch die Arbeitsgemeinschaft für Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP), eine Art Förderverein für die Idee der Mitarbeiterbeteiligung, verfolgt die neue Tendenz aufmerksam. „Das ist zwar nicht gerade die klassische Herangehensweise“, sagt Geschäftsführer Heinrich Beyer. Doch könnten krisenbedingte Beteiligungen „diesem Instrument und dem Gedanken einer partnerschaftlichen Unternehmenskultur einen schönen Impuls geben“ – vorausgesetzt, die betreffenden Unternehmen kommen später tatsächlich wieder auf Kurs.

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