Karnevalsauftakt in Köln
„Jeder Zweite geht als Polizist“

Sieben Festnahmen in acht Stunden: Der Kölner Karneval ist so friedlich gestartet wie lange nicht. Das Sicherheitskonzept von Stadt und Polizei ging bislang auf. Der Aufwand ist jedoch gewaltig.

Köln„Werde ich verstärkt? Muss ich laut reden?“ Die Sorgen des neuen Polizeipräsidenten Jürgen Mathies sind am Donnerstagnachmittag überschaubar. „Vor Ihnen steht eine Reihe von Mikrofonen. Da sprechen Sie einfach rein“, erklärt ihm die Pressesprecherin. Dann tritt Mathies vor die Schar aus rund 50 Journalisten und trägt die Zwischenbilanz des ersten Karnevalstages vor. „Sieben vorläufige Fest- und Gewahrsamnahmen, ein Raub und ein Verstoß gegen das Waffengesetz.“ Es sind Werte, die wohl jeder größere Jahrmarkt toppt.

Die heiße Phase des Kölner Karnevals startet so ruhig wie seit Jahren nicht. Ein Mann am Dom soll vor der Kathedrale eine bengalische Fackel gezündet haben. Ein anderer, als SEK-Beamter verkleideter Jeck trug eine angeblich täuschend echte Waffe. Die wurde sichergestellt. Ein 31-jähriger Algerier wurde nach einem mutmaßlichen Raub vorläufig festgenommen. Dabei soll er versucht haben, einen mit Heroin gefüllten Ballon zu schlucken. Er soll im Krankenhaus liegen. Und ein Sicherheitsdienst soll Asylbewerber als Ordner beschäftigt haben.

Das strenge Sicherheitskonzept der Polizei, so sieht es gegen 16 Uhr aus, geht offenbar auf. 2500 Polizisten bewachen die Stadt, mehr als doppelt so viele als im vergangenen Jahr. Ihre Schichten dauern zwölf Stunden. Sie patrouillieren durch die Altstadt vom Dom bis zum Heumarkt, im Studentenviertel rund um den Zülpicher Platz und über die Ausgehmeile entlang der Kölner Ringe. Vor allem aber sichern sie den Platz vor dem Hauptbahnhof, an dem seit acht Uhr morgens ununterbrochen Tausende Party-Touristen ankommen.

Der ICE aus Hamburg, der Regionalexpress aus Düren oder die Rhein-Wupper-Bahn: Aus allen Waggons strömen verkleidete Frauen und Männer. Einige singen, manche tanzen, viele trinken Alkohol. Eine Gruppe Mädels in schwarz-weißen Kuh-Outfits bildet mit den Schwänzen der Kostüme eine Kette. „Bitte eine Schwanzlänge Abstand“, rufen sie und lachen. Es ist eine Anspielung auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Die hatte nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht auf Frauen empfohlen, von Männergruppen „eine Armlänge Abstand“ zu halten.

Maren Zachmann aus Mannheim ist mit vier Freundinnen nach Köln gereist. „Wir haben keine Angst, aber man hat Silvester im Hinterkopf“, sagt die junge Frau in ihrem schwarz-weißen Fell-Kostüm. Der Zug nach Hause geht um 18:42. „Im Dunkeln wollen wir lieber nicht in Köln bleiben.“

Selina Schneider aus Haiger in Hessen und ihre sechs Freundinnen haben sich überhaupt keine Gedanken wegen der Übergriffe gemacht. „Ich lasse mich nicht einschüchtern. Dann hätten die anderen ja gewonnen“, sagt sie. Unter den Mädels in den Eisbärkostümen sind zufällig zwei Polizistinnen. Doch die Freundinnen hatten trotzdem Pech. „Einer von uns wurde im Zug hierher der Geldbeutel gestohlen.“

Antonia und ihre drei Freundinnen aus dem Siebengebirge haben lange überlegt, ob sie in diesem Jahr nach Köln reisen sollen. Am Bahnhof angekommen fühlen sich die jungen Frauen in den Rehkostümen sicher. „Jeder zweite hier ist ja ein Polizist.“

So wie Matthias. Er trägt Bär aber er ist nicht verkleidet. Der Polizist ist Teil einer Hundertschaft aus Berlin, die extra wegen Weiberfastnacht nach Köln beordert wurde. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Normalerweise fahren wir zu Fußballspielen mit Gewaltpotenzial. Jetzt sind wir hier bei so einem Happyness-Event“, sagt der Polizeikommissar. Um 8.00 Uhr morgens begann für die Verstärkung aus der Hauptstadt der Dienst. Die Schicht werde wohl bis 23 Uhr dauern.

Bis zum Nachmittag hat Matthias, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, nicht einmal eingegriffen. „Ich habe mit deutlich mehr Menschen gerechnet“, sagt der Polizist. Als er mit drei Kollegen an einer Kneipe in der Altstadt vorbeilief, rief ein Mann die Beamten rein. An der Tür erschien ein offensichtlich betrunkener Mann mit einer Platzwunde im Gesicht. Die Berliner brachten ihn nach draußen: „Das sieht schon älter aus. Ist schon eingetrocknet.“

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„Nach Silvester ist nichts mehr wie vorher“

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