Kleine Studienfächer bedroht
„Exoten-Sterben“ alarmiert Hochschulrektoren

Manch ein exotisches Studienfach hat nur wenige Studenten – und doch bringen sie international angesehene Experten hervor. Damit könnte es in Zukunft vorbei sein, denn die große Umbauwelle an den Universitäten droht die vermeindlichen „Exoten“ über Bord zu spülen. Nun schlagen die Hochschulen Alarm.

BERLIN. Die Konzentration auf große und vermeintlich anwendungsnähere Fächer „bedroht die kleinen Fächer – bis hin zur vollständigen Streichung“ warnen die Hochschulrektoren in einem Beschluss, den sie auf ihrer gestrigen Vollversammlung berieten, und dessen Entwurf dem Handelsblatt vorliegt. Detailliert ist darin aufgelistet, wo womöglich unwiederbringlicher Verlust von Forschungs- und damit Beratungskapazität droht. „Der unkontrollierte Abbau führt zu Verwüstungen“, hatte zuvor auch der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, gewarnt. Es gelte, jedes Fach bundesweit einzeln zu begutachten, empfiehlt der Chef der höchsten Beratungsinstanz von Bund und Ländern.

Um den Exodus von Islamistik, Klimatologie & Co. aufzuhalten, haben Kultusministerkonferenz und Wissenschaftsrat vereinbart, eine Art „rote Liste“ für bedrohte Wissenschaften zu erstellen. Eine „Clearingstelle“ soll dafür sorgen, dass Information über Ab- und Umbau zusammenlaufen, fordert die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) – und so verhindern, dass einzelne Fächer an zu vielen Orten gleichzeitig durchs Raster fallen. Denn die Verödung komme vor allem dadurch zustande, dass einzelne Unis in ihrer Geldnot und unter dem Druck zur Profilierung kleine Fächer stutzen, ohne dass dies bundesweit koordiniert wird. So kann es „ohne jeden Feldzug passieren, dass etwa die Slawistik seit 2000 um die Hälfte gekürzt wurde“, erzählt Strohschneider. Wie schnell ein Fach wie islamische Kulturwissenschaft wichtig werden kann, habe man soeben beim Karikaturenstreit gesehen.

Traditionell gilt Deutschland als Hort einer enormen Vielfalt international herausragender Spezialisten – auch wenn dies einer breiten Öffentlichkeit verborgen geblieben ist. Doch vor allem die Exzellenzinitiative – ein Wettbewerb um zusätzliche 1,9 Mrd. Euro von Bund und Ländern – treibt die Hochschulen dazu, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Angesichts der knappen Mittel tun sie das oft zwangsläufig auch auf Kosten von Randgebieten. Aktuelles Beispiel ist die Uni Mannheim, die zu Gunsten der renommierten Ökonomie die Geisteswissenschaften eindampft.

Diese sehen sich bundesweit seit geraumer Zeit als Hauptleidtragende des Konzentrationsprozesses. Bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative sind ihre Anträge fast sämtlich durchgefallen. Doch es geht nicht nur um Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Auch in den Naturwissenschaften machte die HRK schützenswerte Fächer wie Klimatologie oder Mineralogie aus. An Fachhochschulen könnten Werkstofftechnik, Konservierung oder Restaurierung leiden.

In den USA und vielen europäischen Ländern „sind die kleinen Fächer inzwischen zum Privileg weniger Elite-Unis geworden“, schreiben die Rektoren. Damit das nicht auch in Deutschland passiert, benötigten sie nicht nur ausreichend Geld sondern auch Ausnahmeregeln. Viele der betroffenen Fächer bilden nur wenig eigene Studenten aus, müssen aber dennoch den Forschernachwuchs heranziehen. Unverzichtbar sind oft ihre Serviceleistungen für große Fächer: So leisten etwa Japanologie, Sinologie und Slawistik vielerorts „Lehrexport“ für Betriebswirte. Deshalb fordert die HRK die Finanzierung eines Sockels – egal, wie viele eigene Studenten da sind.

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