Kommentar
Die Stunde der schrecklichen Krisen-Vereinfacher

In der Finanzkrise, wenn Banken wackeln und Börsen fallen, wird gerne der sogenannte Zocker als der Schuldige gebrandmarkt. Grund sind die schrecklichen Vereinfachungen durch Politik und Medien.
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Der Begriff stammt ursprünglich aus der Sprache der Vaganten und Gauner, dem Rotwelschen. Er fällt so häufig wie kein zweiter, wenn es um Banken, Euro oder Finanzkrise geht. Google liefert allein 860.000 verschiedene Einträge für ihn - und täglich werden es mehr. Dabei vernebelt das neue Wieselwort mehr, als es erklärt.

Die Rede ist natürlich vom Zocker, dem Phänotyp der gegenwärtigen Finanzkrise. Banker und Börsianer, Großkapitalisten und Kleinanleger, ja ganze Staaten wie Griechenland oder Spanien subsumieren seit einiger Zeit im öffentlichen Bewusstsein als einziges großes Heer von Glücksrittern und Vabanquespielern. Dabei ist es in Wahrheit gar nicht so einfach zu definieren, wo ganz normale Kapitalanlage aufhört und das gefährliche Glücksspiel anfängt.

Das gilt auch für die vielgescholtenen Banken. Als gefährliche Zockerbuden gelten heute zum Beispiel alle Geldhäuser, die zu viele Staatsanleihen in ihren Büchern halten. Noch vor ein paar Jahren sah man die gleichen Banken häufig als Musterknaben erzkonservativer Anlagepolitik. Beispiel Portugal: Wer in den letzten Wochen die Staatsanleihen des angeschlagenen Euro-Landes kaufte, schloss praktisch eine Wette gegen die Märkte ab. Er hofft darauf, dass Portugal am Ende einer längeren Zitterpartie nicht den Weg Griechenlands gehen und seine Anleihen zurückzahlen wird. Dann winkt ein hoher Gewinn, der sich aus der Differenz zwischen dem niedrigen Kurs- und hohen Nominalwert der Papiere leicht errechnen lässt.

Aber waren wirklich alle Anleger Glücksspieler, die sich beispielsweise 2006 oder 2007 solche Staatsanleihen ins Depot legten? Oder sind ausgerechnet diejenigen schlimme Zocker, die sich schlicht nicht schnell genug von ihren Portugal-Papieren trennten, als die Verschuldungskrise ins öffentliche Bewusstsein drang? Dann wären umgekehrt diejenigen keine Zocker, die möglichst kurzfristig agieren und ihre Depots häufig umschichten? Die Fragen zu stellen heißt, sie zu beantworten.

Natürlich gibt es viele Finanzprodukte, die man als schlichte Wetten bezeichnen kann. Im Kleingedruckten ihrer finanziellen Beipackzettel müssen die Emittenten sogar darauf hinweisen. Aber Anleihen und Aktien gehören generell nicht in die Kategorie der Zockerprodukte. Auch mit ihnen kann man natürlich Teil- wie Totalausfälle erleiden, wie die jetzigen Monate zeigen. Aber trotzdem ist es ein gewaltiger Unterschied, ob sich Banken am hochkomplexen Derivatemarkt tummeln oder in Staatsanleihen investieren. Doch die schrecklichen Vereinfacher in der Politik und in den Medien, die momentan Oberwasser haben, scheuen die Mühe genauerer Betrachtung.

Für viele von ihnen, die ständig mit dem Wort Zocker um sich werfen, gibt es im Rotwelschen ebenfalls einen schönen Begriff. Sie sind bloße "Wolkenschieber", die ihre Unkenntnis der wirklichen Zusammenhänge mit einem kräftigen Wortgewitter übertönen.

Bernd Ziesemer. Der Autor ist Publizist und war viele Jahre Chefredakteur des Handelsblatts. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

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  • Wer Geld in irgendwelchen Finanzprodukten anlegt, geht immer ein Risiko ein. Aus dieser Unsicherheit über künftige Entwicklungen heraus hat jeder die Verpflichtung, sich über das, was er einkauft, genaue Informationen zu verschaffen. Und er muß auch auf jede Änderung von Faktoren reagieren, die eine neue Bewertung erforderlich erscheinen lassen.

    Die Produzenten und Händler der Finanzprodukte stehen in der Verantwortung, die Qualitäten ihrer Ware detailliert zu bestimmen und darüber Auskunft zu erteilen. Hinsichtlich ihrer Haftung sind mit Sicherheit verschärfte Regeln notwendig.

    Auch unter der Beachtung von strengen Informationsauflagen auf beiden Seiten bleiben in jedem Fall Verlustrisiken, die im Zweifel in vollem Umfang selbst zu tragen sind. Darüber müssen sich alle Beteiligten im Klaren sein.

    Wer sich an einen Spieltisch setzt, hat seine Einsätze vorher zu hinterlegen, indem er Chips kauft. Entsprechendes gilt auch für den Kauf von Finanzprodukten, wobei es keine Rolle spielt, wann und wie man Geld dafür einsetzt. Aber man muß fordern, daß für alle Arten von Finanzprodukten, die man für Wetten bzw. Spekulationen einsetzt, das maximale Risiko in voller Höhe vorher hinterlegt wird.

    Es ist untragbar, daß Banken und andere Finanzinstitute Geld von Dritten für eigene Investments ohne scharfe Auflagen bezüglich der Absicherung der Dritten nutzen können. Eine Trennung von Investmentbanking und Kreditbanking ist notwendig, dürfte allerdings nicht ausreichend sein. Hier müssen weitere Spielregeln geschaffen werden.

  • In der Print-Ausgabe hatte dieser Kommentar mal den Titel "Der Zocker, der neue Phänotyp der Finanzkrise". Ich verstehe das als eine Kritik am inflationären und undifferenzierten Umgang mit dem Zocker-Begriff. Auch die Medien sind explizit genannt. Leider hat sich auch das Handelsblatt bei diesem Thema nicht mit Ruhm bekleckert. Ich darf auf diesen Artikel vom 5.10. verweisen, der leider nicht durch die ganz große Sachlichkeit glänzt:
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/zertifikate/ratgeber-hintergrund/banken-verfuehren-kleinanleger-zum-zocken/4687120.html
    Es wird munter pauschalisiert, scharf geschossen und Stimmung gemacht. Hier fehlen eigentlich nur noch die vier weißen Buchstaben auf rotem Grund. Und das bei all dem Gerede über den Qualitätsjournalismus ...

  • Guter Artikel: aber,
    ich fühle mich nicht als Zocker, wenn ich frühzeitig Anleihen aus GR,Por oder Ita aus meinem Depot werfe, ahnend, dass da was im Busch ist. Ganz im Gegenteil: ich fühle mich als Entwicklungshelfer, der diesen Ländern eine Chance gegben hat, die sie nicht genutzt haben.
    Hört sich dumm an, aber: auch die Banken und Versicherungen, genau wie deren Kunden, sind Opfer von unfähigen Staatspolitikern, die nicht mit Geld umgehen können.
    GoGo02

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