Kommentar zu Anzeigen gegen Merkel
Rechte Kampagne. Was auch sonst?

Bei den Anzeigen wegen angeblichen Hochverrats gegen Kanzlerin Merkel geht es allein um Ressentiments, Hass und Ausländerfeindlichkeit. Die Kampagne offenbart den immensen Minderwertigkeitskomplex der Einreicher.
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Wenn es in der rechten Seele völkisch rumort, gebiert sie meist Monster. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist jetzt bei der Bundesanwaltschaft massenhaft wegen angeblichen Hochverrats angezeigt worden. Bislang seien rund 400 Strafanzeigen eingegangen, so die Bundesanwaltschaft, die davon ausgeht, dass es sich dabei um eine rechte Kampagne handelt. Was auch sonst?

Denn natürlich entbehren diese Anzeigen jeglichen juristischen Hintergrund. Es geht allein um Ressentiments, Hass, Ausländerfeindlichkeit und natürlich den Versuch, so viel Aufmerksamkeit wie irgend möglich für diese Gemütsmonster zu schinden.

Weder juristisch noch politisch sind diese Strafanzeigen eine Auseinandersetzung wert. Die Bundesanwaltschaft wird sie wohl nicht einmal annehmen. Diese Anzeigen zeigen allerdings, wie blindwütig deutsch der völkische Hass nicht nur gegen die Flüchtlinge selbst sind, sondern auch gegen die demokratischen Institutionen im Land, gegen die Bundeskanzlerin, gegen das politische System, eben gegen die demokratische Grundordnung des Landes.

Wie bei den Pegida und AfD-Demonstrationen in Dresden oder Erfurt bricht sich in Deutschland auch hier momentan eine nicht nur volkstümliche, sondern auch völkische und klaustrophobe Gesinnung Bahn, die man nur als Deutschtümelei primitivster Art bezeichnen muss. Das Erschreckende dabei ist die absolute, grenzenlose Hemmungslosigkeit der dumpfen Wut, die sich da zu erkennen gibt.

Diese blinde Wut, gepaart mit einer bekennenden Systemfeindlichkeit bietet den Verfassungsschutzämtern in Bund und in den Ländern, gewiss auch den Strafverfolgungsbehörden genug Material, um mehr als nur ein Auge auf jene zu werfen, die auf der Straße oder per Strafanzeige gegen Merkel nichts anderes im Sinn haben, als weitere Bürger gegen Flüchtlinge, letztendlich: gegen Ausländer und Fremde jeder Facon aufzuhetzen. Dahinter steckt ja nicht nur eine erbärmliche Weltanschauung und ein alle Werte der Zivilisation verachtende Geisteshaltung. Dahinter schreit ja geradezu ein immenser Minderwertigkeitskomplex all jener, die glauben, hilflos einem „Hunneneinfall“ (Björn Höcke, AfD) und „Mongolenstürmen“ (Björn Höcke, AfD) ausgeliefert zu sein, so als stünden mit Axt und Keule bewaffnete Bataillone vor Deutschlands Grenzen.

Minderwertigkeitsgefühle, gepaart mit Angst und völkischer Unsicherheit aber sind ein explosives Gemisch, das nicht nur zu Hetze, sondern auch zur Gewalt führt. Chefhetzer und Chefapokalyptiker Höcke hat es ja selbst auf den Punkt gebracht, was alle diese koordinierte, extremistischen Aktionen im Sinn haben. Die „dramatische Lage“ im Land sei die „vielleicht letzte Chance für unser Volk, noch einmal aufzuwachen.“ Das ist reine völkische Hetze.

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  • "Die eigentliche Ursache damals wie heute ist jedoch unser Geldsystem. Dieses (Falsch-)Geldsystem führt zwangsläufig auch zu politischer Radikalisierung"

    Ich teile Ihre Sicht weitestgehend, glaube aber nicht dass das Geldsystem oder irgend ein System überhaupt der letzte Grund für die Probleme ist. Systemisch hat Karl Marx das Problem eines gesättigten Kapitalismus der keine organisches Wachstum mehr generieren kann und dann zu verschärfter Ausbeutung, Substanzverzehr und schließlich Substanzzerstörung & Krieg führen muss, bereits vorhergesagt. Deshalb ist es absolut unverständlich, warum das Dogma eines linearen Wachstums immer noch Grundlage politischer Entscheidungen insbesondere von zu obersten Kreditbetrügern und Geldfälschern degenerierten Zentralbanken ist.

    Die Lösung sehe ich aber nicht in mehr von diesem oder jenem System sondern in einer geradezu evolutionären Herausforderung zur Transzendierung von „System an sich“ durch Wachstum auf der Ebene der Kultur (des menschlichen Zusammenlebens). Dieses kulturelle Wachstum wird dann auch als sekundären Aspekt ein adäquates System hervorbringen. Die Fixierung der Suche auf eine oberflächliche rein systemischen Lösung ist Teil einer Ausweichstrategie vor dem Problem und dient letztlich dem etablierten System.

  • @Mirko Schultz

    >>Leider verschiebt sich die Diskussionskultur immer weiter in die Richtung, wer nun links (Gutmensch) oder rechts (Nazi) ist. Die Mitte scheint es in den aktuellen Diskussionen kaum noch zu geben.<<

    Genauso ist es. Endlich ein sachlicher Beitrag. Wenn ich mich hier gegen Hasskommentare oder offensichtlichen AFD-Wahlkampf positioniere, bin ich sofort ein illegaler Willkommensbürger, toleriere indirekt Vergewaltigungen und habe keine Ahnung was da draußen so los ist. Und zwar von denen, die ständig jammern, dass sie in die rechte Ecke gestellt werden und Herr Scheidges die Meinung Andersdenkender nicht akzeptiert. Ist es denn für 80% der Kommentatoren hier so schwer vorstellbar, dass es Menschen der Mitte gibt, die dem politischen System durchaus kritisch gegenüberstehen und trotzdem Hasstiraden jeglicher Couleur und Angstpredigten ablehnen? Die eben nicht diesen Predigern hinterherlaufen, sondern lieber anpacken und helfen. Darüber können wir gern differenziert und sachlich diskutieren.

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