Kommentar zum Kita-Streik
Arbeit am Menschen aufwerten – auch bei der Bezahlung

Die gute Nachricht für die Eltern: Die Streiks in den Kitas enden. Die schlechte: Niemand weiß, ob sie nicht wieder aufgenommen werden. Denn inhaltlich sind sich Gewerkschaften und Arbeitgeber keinen Deut näher gekommen.
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BerlinMehr Geld für Erzieherinnen, die Sonderaufgaben wie die musische Früherziehung oder Inklusion übernehmen – das reicht Verdi, GEW und Beamtenbund nicht. Ohne eine Aufwertung der gesamten Palette der Sozial- und Erziehungsberufe wollen sie im Tarifstreit nicht klein beigeben. Dabei können sie auch nach fast vier Wochen Streik immer noch auf breiten gesellschaftlichen Rückhalt zählen.

Bei ihren nächtlichen Verhandlungen in Berlin werden die Gewerkschaften aufmerksam registriert haben, dass nach einer neuen Umfrage immer noch 69 Prozent der Bundesbürger den Kita-Streik für gerechtfertigt halten, immerhin 53 Prozent wünschen ihnen auch eine bessere Bezahlung.

Auch die Politik, die sich sonst aus Tarifverhandlungen aus gutem Grund heraushält, hat dieses Mal kräftig mitgemischt: Vizekanzler Sigmar Gabriel oder Familienministerin Manuela Schwesig (beide SPD) waren nur die prominentesten Fürsprecher einer Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes.

Allerdings haben die Gewerkschaften auch gemerkt, dass die Eltern an ihrer Belastungsgrenze angekommen sind. Für ein paar Streiktage lässt sich mit der Oma oder befreundeten Eltern noch Ersatz für die Kita-Betreuung organisieren. Wenn aber der Jahresurlaub geopfert werden muss, um sich um die eigenen Kinder kümmern zu können, schwindet das Verständnis sehr schnell. Mit jedem weiteren Streiktag liefen Verdi und Co. Gefahr, dass die Stimmung zu ihren Ungunsten kippt.

Zumal ja auch die Argumente der Arbeitgeber etwas für sich haben. Geben sie nach, müssten sie Feuerwehrleuten oder Verwaltungsangestellten erklären, warum Erzieherinnen nun im Schnitt zehn Prozent mehr Geld bekommen sollen und sie selbst trotz vergleichbarer Ausbildung leer ausgehen. Immerhin 41 Prozent der Deutschen halten die Bezahlung in den Kitas für angemessen. Etwas mehr Geld für Erzieherinnen geben die kommunalen Kassen angesichts sprudelnder Steuereinnahmen sicher noch her.

Doch das Tarifgefüge des öffentlichen Dienstes würde ins Wanken geraten, sollten sich die Gewerkschaften hier auf ganzer Linie durchsetzen. Die Schlichter, die nun zum Einsatz kommen, stehen vor der schwierigen Aufgabe, diese unverrückbaren Gegensätze zu einem Kompromiss zu bringen.

Ein Gutes haben die Streiks – trotz allen Ärgers für die Betroffenen – aber schon gebracht. In Deutschland wird wieder so intensiv über den Wert von Arbeit diskutiert, wie schon lange nicht mehr. Die Arbeit mit und am Menschen wird immer wichtiger werden. Digitalisierung und Automatisierung werden die Rolle der Industrie als Jobmotor zunehmend in Frage stellen. Bei der Kinderbetreuung, aber auch in der Altenpflege fehlt dagegen schon heute Personal.

Wenn wir anerkennen, dass diese Jobs mindestens ebenso wichtig sind wie der eines Industriearbeiters, dann werden wir um eine Aufwertung nicht herumkommen – auch bei der Bezahlung. Klar ist aber auch, dass die Lasten nicht allein den Kommunen aufgebürdet werden dürfen. Wer frühkindliche Bildung oder ein Altern in Würde als gesamtgesellschaftliche Aufgaben begreift, wie Gabriel und Schwesig deutlich gemacht haben, darf sich vor der Finanzierung nicht drücken.

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  • Weiterhin streiken auch die Sozialpädagogen und Heilpädagogen. Und gerade hier wollten die Arbeitgeber keine Aufwertung gewähren. Natürlich gab es Vorschläge, die sind aber in keinster Weise akzeptabel. Schwammiges Blabla hilft doch keinem weiter.

    Arbeit am Menschen muss uns einfach mehr wert sein! Ich bin dafür, dass eine Pause eingelegt wird beim Streik, denn alle müssen mal durchatmen. Aber es muss sich etwas tun. Zur Not gehen die Streiks weiter.

  • Leider werden immer wieder Un- oder Halbwahrheiten verbreitet, so dass manchen dann wirklich das Verständnis für diesen Streik fehlt.

    In den Medien geht es immer nur um die Erzieher, doch es sind auch noch andere Berufgruppen am Streik beteiligt. Zunächst sind da einmal die Kinderpfleger, die größtenteils in S3 eingestuft sind. Das entspricht nicht im Mindesten den Anforderungen dieses Berufes. Zwar ist die Ausbildung nur zwei Jahre nach dem Abschluß der Mittelschule, doch arbeiten sie mit unserem wertvollsten Gut: unseren Kindern. Und leisten dabei qualitativ hochwertige Arbeit. Es geht nämlich weit über die bloße Betreuung hinaus, was tagtäglich geboten wird von den Kinderpflegern und Erziehern in der Kita. Förderung nach Bildungsplänen ähnlich dem Lehrplan beginnt nämlich schon bei den Kleinsten. Dass die Kinderpfleger als Erhänzungskräfte oftmals alleine in der Gruppe sind, ist Realität. Ebenso stehen natürlich die Erzieher leider in vielen Fällen alleine da. Diese haben keine dreijährige, sondern z.B. In Bayern eine 5-jährige Ausbildung gleich einem Studium. Dass sie dafür besser entlohnt werden müssen, sollte sich von selbst verstehen. Es gibt in der Ausbildung leider immer noch Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern. Hier sollte lieber an einer Lösung gearbeitet eerden, denn es bestehen in der Qualifikation erhebliche Unterschiede. Da sollten sich alle an Bayern ein Beispiel nehmen. Auch die Erzieher arbeiten weit über due bloße Betreuung hinaus und erarbeiten Förderpläne, dokumentieren Fortschritte, führen Elterngespräche, beraten...etc. Was tagtäglich in den Kitas geleistet wird, ist der breiten Öffentlichkeit doch gar nicht bekannt.

  • Die Ausbildung zum Erzieher dauert 3 Jahre, zum Beispiel bei der AWO (2 JAhre Theorie / 1 Jahr Praktikum). Andere Lehrberufe dauer ´n auch 3 Jahre. Das ist also im normalen Rahmen.
    Zusatz- und Weiterbildungen sind auch in anderen Berufen, zum Beispiel im Bereich Wissenschaft und Technik, normal und werden gefordert.

    Beim Gehalt liegen die Erzeihungsberufe über dem Durchschnitt. Niedrige, für ein alleinstehendes Leben kommen auch häufig dadurch Zustande, dass Teilzeitstellen belegt sind. Da muß zumindest differenziert werden. In einem technischen Berufsbild verdient man bei einer 30 Stunden-Stelle auch nicht genug.

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