Kommentar zur Spielabsage
1:0 für den Terror

Kein vernünftiger Mensch hätte das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande den Schutzvorkehrungen übergeordnet. Und dennoch: Die Absage des Spiels ist eine Niederlage für unsere freien Gesellschaften.
  • 107

Es kann keinen Zweifel geben: Unter der Bedrohung von abertausenden von Opfern in Hannover mussten die Verantwortlichen das Fußball-Spiel absagen. Kein vernünftiger Mensch hätte das Fußballspiel, obwohl es symbolisch so aufgewertet war und die Unbeugsamkeit der freien Gesellschaften und der Wille zur Freiheit demonstrieren sollte, den Schutzvorkehrungen übergeordnet.

Und dennoch: Die Absage des Spiels ist eine Niederlage für unsere freien Gesellschaften. Der Terror, ja sogar alleine schon die Bedrohung durch den Terror siegte über die Normalität und die Selbstverständlichkeit, sich öffentlich zu versammeln.

Genau dies ist der Zweck der Bedrohung: die Einschüchterung der freien Welt, der brachiale Zwang, die Ungezwungenheit des freien Lebens der Angst vor dem Terror und der Furcht vor allgemeiner Unsicherheit unter zu ordnen. Es steht, so ungerne man dies einräumt, 1:0 für den Terror.

Doch diese Niederlage war unvermeidlich. Denn auch sie beweist den Respekt vor dem Leben, den freie Gesellschaften auszeichnet und der unabdingbar für jegliche freie Sozietät ist. Gesellschaften, die die Hochachtung vor dem Leben der vielen Einzelnen symbolischen Handlungen, auch wenn diese noch so zwingend erscheinen, unterordnen, haben sich dem Terror und dessen Unmenschlichkeit unfreiwillig und weit stärker ausgeliefert als es ihnen jemals lieb sein kann. Das sehr wohl hehre Prinzip des „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen!“ wird zutiefst unmenschlich, wenn der Staat dieses Prinzip seinem ureigentlichen Sinn, dem Schutz seiner Bürger, vorzieht.

Denn dadurch würde sich der Staat, jeglicher Staat, gerade jenen Terrorregimen annähern, denen er mit Menschenrechten, dem Schutz des Lebens und anderen hohen Werten Paroli bieten will und muss. Das ist der viel größere Sieg in der dagegen kleinen Niederlage.

So gesehen ist das verlorene Fußballspiel eine Opfergabe auf dem Altar der freien Gesellschaft. Es war notwendig alleine, weil der brachiale Gegner als Strategie und Taktik allein Mord und Totschlag aufzubieten hat und sonst gar nichts.

Eine ganz andere, aber nicht weniger zwingende Frage ist natürlich der Umstand, dass die Attentatsdrohung offenbar ein Sicherheitsvakuum bloßgelegt hat: Vor dem Spiel wurde von den Sicherheitsbehörden versichert, das heikle Spiel fände unter den größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen statt. So groß sie gewesen sein mögen: Offenkundig misstrauten die Behörden ihren eigenen Versicherungen so sehr, dass das Vorhaben sehr rasch abgeblasen werden musste.

Die Begründung des deutschen Innenministers für seine Weigerung, Ross und Reiter bei der Benennung und Konkretisierung der Bedrohung zu nennen, passt leider in dieses Bild der staatlichen Verunsicherung. Zu behaupten, eine konkrete, also wahrheitsgemäße Benennung der Gefahren würde „die Bürger verunsichern“, zeugt nicht von jener unbeirrbaren Souveränität des für die innere Sicherheit des Landes zuständigen Regierungsmitgliedes, die sich besorgte oder eingeschüchterte Bürger wünschen.

Kommentare zu " Kommentar zur Spielabsage: 1:0 für den Terror"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zitat: "Quelle:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-ueber-muslime-in-deutschland-der-islam-und-die-gewalt-1.331783

    Wer lesen kann ist klar im Vorteil! "

    Dann lesen UND VERSTEHEN Sie doch bitte einmal den ersten Satz im Artikel:
    "Rund ein Viertel der in Deutschland lebenden Muslime ist zu Gewalttaten gegen Andersgläubige bereit."

    ... und den 4. Satz:
    "Das treffe auf jeden vierten jungen Islam-Gläubigen im Land zu ..."

    Erkennen Sie den Widerspruch oder ist bei Ihnen "ein Viertel der Muslime" und "jeder vierte junge Islam-Gläubige" das Gleiche?

    Fragen Sie doch mal "junge Deutsche", ob Sie bereit sind, für Ihre Überzeugung Gewalt anzuwenden. Meinen Sie, da kommt weniger als ein Viertel raus????

  • Liebe Leser,

    die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

  •  
    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette 

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%