Deutschland
Kompost-Sitze als Musterbeispiel

Mit vielen Innovationen an Bord hat der Airbus A380 seinen Jungfernflug unter Applaus bestanden. Eine dieser Innovationen sind Flugzeugsitze, deren Bezugsstoffe weich, robust und flammhemmend sind – doch außerdem sind sie umweltverträglich hergestellt worden und biologisch kreislauffähig.

HB BERLIN. Sie können nach ihrer Nutzung der Natur als unschädlicher Rohstoff zurück gegeben werden. Mit diesem so genannten Climatex-Lifeguard-System festigt der Hersteller, die Rohner Textil, ihre Position als weltweiter Pionier hinsichtlich umweltverträglicher Produkte.

„Die beiden ersten Airbusse wer-den komplett mit diesem Stoff be-stuhlt sein“, sagt Peter Kämpfer, Mitglied der Geschäftsleitung der Schweizer Lantal-Gruppe, mit Ab-stand Weltmarktführer für Möbelbe-zugsstoffe für Flugzeuge, zu der Rohner gehört. Lufthansa testete die Textilien und wer Thai Airways oder South-African Airways fliegt, kann heute schon auf ihnen sitzen.

Rohners Polsterbezüge der Marke Climatex-Lifecycle für Büro-stühle und Möbel sind sogar kompostierbar: Genauso wie Lebensmittelreste und Gras bieten sie anderen Lebewesen wertvolle Nährstoffe. Die vielfach ausgezeichneten Textilien folgen der Vision von Chemie-Professor Michael Braungart: „Ab-fall muss Nahrung werden“. Die Stoffe wurden gemeinsam mit sei-nem wissenschaftlichen Umweltin-stitut EPEA in Hamburg entwickelt.

Intelligentes Produktdesign müsse auf tatsächliche Umweltfreundlichkeit im gesamten Produktlebenskreislauf ausgerichtet sein, fordert Braungart. Es reiche nicht, ökoeffizient zu arbeiten. „Weniger schädlich ist nicht umweltfreundlich. Effizienz heißt bloß, etwas gründlich zu machen – auch wenn es ganz falsch ist“, sagt der Chemieprofessor. Auch von dem gesetzlich verankerten Recycling-Motto „von der Wiege zur Bahre“ hält er nichts. Dies führe nur zum „downcyceln“ hochwertiger Materialien zu minderwertigen Rohstoffen und überflüssigen Parkbänken. „Es muss vielmehr um Effektivität gehen – sie fragt zuerst nach dem Ziel und dann nach den Mitteln“, so Braungart.

Ziel müsse „Cradle-to-Cradle“ sein, auf Deutsch „von der Wiege zur Wiege“: Produkte, die dem Menschen als auch der Umwelt dienen und entweder natürliche oder technische Rohstoffe gleich hoher Qualität bleiben. Dann müssten Verbraucher kein schlechtes Gewissen mehr haben oder verzichten. „Solche Produkten können wir auch verschwenden, denn hinterher nutzen sie der Natur – genauso wie die zigtausend ineffizienten, aber wunderschönen Kirschblüten.“ Der Mensch sei kreativ genug, um die Prozesse der Natur nachzuahmen und bessere Qualität zu entwickeln.

Der Visionär und sein amerikanischer Mitstreiter, der Architekt William McDonough, zeigten mit Produktinnovationen, dass dies keine Öko-Luftschlösser sind, sondern mögliche und rentable Alternativen. Mit Shaw Industries Inc., dem weltgrößten Teppichhersteller, ent-wickelten sie einen Teppich aus re-cyceltem Thermoplastikverbundmaterial und einer Glasfaserverstär-kung. Er ist komplett recycelbar, die Grundstoffe behalten ihre Qualität und können unendlich oft zu neuen Teppichen verarbeitet werden. Alte Ware wird kostenlos beim Kunden abgeholt. „Das reduzierte drastisch Rohstoffverbrauch und -kosten und senkte Energie- und Transportkos-ten“, heißt es bei Shaw. Alle übrigen Eigenschaften, wie Stabilität, Ge-wicht, Abrieb oder Dämmung, seien gleich oder besser im Vergleich zur herkömmlichen Produktion. Fünf Jahre nach ihrer Einführung 1999 macht die Marke eco-warx hundert Prozent des Produktionsvolumens aus – im Dezember beendete Shaw die schädliche PVC-Produktion.

Der zweitgrößte Bürostuhlhersteller der USA, Herman Miller, entwickelte mit dem Berliner Designer-Team „Studio 7.5“ nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip die Bürostuhlserie „Mirra“. Sie wurde binnen eines Jahres zum Kassenschlager. „Die Materialien enthalten keine Schadstoffe und können zu 96 Prozent in den technischen Nährstoffkreislauf, das heißt den Produktionsprozess, zurückgeführt werden – aus einer Rückenlehne wird wieder eine Rückenlehne“, erläutert Studio 7.5-Gesellschafterin Claudia Plickat. Herman Miller will den Umsatzanteil derartiger Produkte binnen fünf Jahren von 5 auf 50 Prozent steigern.

Für alle Produkte seien solche Lö-sungen machbar, sagt Braungart; das beweisen auch erste Beispiele aus dem High-Tech-Bereich. So stellt Siemens neue Röntgengeräte so her, dass Altgeräte runderneuert und gewinnbringend wieder verkauft oder alle Teile für Neugeräte verwendet werden. Die Recyclingquote soll so auf Null sinken. Und britische Forscher haben ein kompostierbares Handy entwickelt, bei dem Plastikschalen und Displays durch einen biologisch abbaubaren Kunststoff ersetzt wurden.

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