Konjunktur
Krisen-Kanzlerin meidet Radikalkur

Für diese Krise gibt es kein Drehbuch. Das glaubt zumindest Angela Merkel. Umso mehr ärgert sie sich über Ratgeber und Wichtigtuer, die ihr vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen habe. Jetzt will sie erst einmal „auf Sicht fahren“, wie es im Kanzleramt heißt.

BERLIN. Die ungebetenen Ratgeber und die vielen Wichtigtuer sind es, die Angela Merkel in dieser „größten Krise der jüngeren Geschichte“ ganz besonders auf die Nerven gehen. „Es gibt kein Drehbuch für diese Lage“, räumt die Kanzlerin mit entwaffnender Offenheit in der gestrigen Generaldebatte des Bundestages ein, aber dennoch hagelt es von allen Seiten Vorschläge, Protest, Kritik und Bedenken. Nur – was soll sie tun?

„Maß und Mitte halten“, das eigene Land loben und auf 2009 als „ein Jahr schlechter Nachrichten“ hinweisen?

Ja, das gehört dazu, aber Oppositionsführer Guido Westerwelle ist Merkels Mutmacher-Rhetorik trotzdem zu wenig. „Wir brauchen keine Regierung, die vor schweren Zeiten warnt, sondern eine Regierung, die in schweren Zeiten handelt“, fordert der FDP-Chef.

Vorsichtig tastet sich die Krisen-Kanzlerin wider Willen in diesen Tagen durch den Nebel, aber die Richtung hat sie noch nicht gefunden – auch weil ihr jeder etwas anderes rät. „So hochmögend die ganzen Ratschläge auch sind – sie könnten unterschiedlicher nicht sein“, höhnt Merkel im Bundestag. Immer wieder schüttelt sie während der Debatte mit dem Kopf, zieht die Mundwinkel nach unten und blickt verärgert aus ihren müden Augen. Sie ist es einfach satt, das ganze Hü und Hott dieser vielen Stichwortgeber vom IWF, der OECD oder der EU. Sie kann sie schon nicht mehr hören, diese selbst ernannten „Weisen“ vom Sachverständigenrat und diese sogenannten „Experten“ der ungezählten Institute und Banken, die sich jeden Tag öffentlich zu Wort melden. Jeder empfiehlt ihr mit wichtiger Miene etwas anderes, und am Ende liegen alle Prognosen weit daneben. Mittlerweile werfe man „dieses ganze Zeugs ungelesen in den Papierkorb“, heißt es im Kanzleramt schroff. „Die Unfehlbarkeitsrhetorik der Sachverständigen steht einem bis oben hin.“

Und dann noch die scharfe Dauerkritik der Opposition und das ständige Genörgel in den eigenen Reihen, vor allem aus der CSU! Merkel regiere das Land „im Zeitlupentempo“, ätzt FDP-Vize Rainer Brüderle. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kolportiert, dass der Spitzname der Kanzlerin in Brüssel wenig elegant „Madam Non“ lautet.

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