Konsumlaune
Der Kaufbürger beflügelt den Aufschwung

Den überraschend kräftigen Aufschwung verdanken die Deutschen nicht ihrer Regierung, sondern sich selbst. Kunde und Kundin kauften das Land aus der Krise heraus und stellten in großzügiger Dosierung die hierzulande knappste Ressource zur Verfügung - Zuversicht.
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Die Helden des Jahres 2010 sind die deutschen Konsumenten. Der "Aufschwung XXL", von dem Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle seit einigen Wochen spricht, ist ihr Werk.

Niemand sonst war im ablaufenden Jahr so tapfer und geduldig, so zukunftsversessen und krisenresistent wie der deutsche Kunde. Trotz Weltfinanzbeben, Euro-Schwäche und vorweihnachtlicher Terrorwarnungen trug er sein Geld in die Kaufhäuser und Lebensmittelläden. Und weil das nicht ausreichte, um die Wirtschaft zu stimulieren, wurde des Nachts noch mit dem Computer und der Maus eingekauft. 24 Milliarden Euro erlöste das "Moonshine Shopping", wie die Amerikaner den Online-Einkauf nennen. Das war ein deutscher Rekord.

Nichts konnte die Konsumenten in ihrer Kauflust dämpfen, kein Koalitionskrach und auch nicht die Aussicht, dass 2011 der Aufschwung sich verlangsamen, die Euro-Krise sich verschärfen oder Deutschland sich abschaffen werde, wie ein gewisser Thilo Sarrazin behauptet hatte.

Der Konsument liest so etwas, aber er glaubt es nicht. Deutschland schafft sich nicht ab, Deutschland schafft an - und zwar Lebensmittel für 194 Milliarden Euro, Bekleidung für 72 Milliarden Euro, dazu noch Möbel für 91 Milliarden Euro und Autos aller Größen für 85 Milliarden Euro.

Der deutsche Konsument setzte 2010 private Mittel in Höhe von 1,4 Billionen Euro ein - eine Summe, die in etwa der Größe der Volkswirtschaften Belgiens, Griechenlands, Dänemarks und der Niederlande entspricht. Kein Wunder, dass die Herren vom zuständigen Verband wirkten wie schockgefroren. Stefan Genth, seines Zeichens Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, berichtete mit belegter Stimme und live im Fernsehen von "Lieferengpässen bei Lego und Playmobil" und demzufolge leeren Regalen in den Spielzeugabteilungen. Das hatte es zuletzt in der DDR gegeben.

Hätte nur noch gefehlt, dass der Einzelhandelsverband die werte Kundschaft auffordert, die Kaufhäuser zu meiden. Ruhe als erste Konsumentenpflicht!

Die Bahn hatte kurz vorher auf diese Art versucht, sich lästige Weihnachtskundschaft vom Leib zu halten. Man solle doch andere Verkehrsträger nutzen, hieß es. Dabei sind die Bahn-Kunden die leidensfähigsten von allen. Sie wissen schon, wenn sie zu Hause starten, dass ab jetzt wieder alles schiefgehen wird, was schiefgehen kann. Murphy's Law wurde offenbar von einem Eisenbahner verfasst.

Im Sommer mussten Bahn-Reisende mit Temperaturen wie in einer finnischen Sauna rechnen, im Winter mit festgefrorenen Weichen, defekten Heizungen, ausverkauften Getränken, doppelt vergebenen Sitzplatzreservierungen und Verspätungen von 360 Minuten (Vorsicht: kein Druckfehler). Und als sei das nicht schon genug der Zumutungen, fordert das Bahn-Management die Kundschaft auf, eigenhändig die Toiletten zu putzen. Anders kann man die kleinen Schilder in den Sanitätsräumen gar nicht verstehen: "Bitte verlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn vorfinden möchten."

Der Kunde aber zeigte 2010 sein sonniges Gesicht. Er grummelte hier und da, aber verweigerte sich nicht. Wäre er ein Börsenhändler, würde man ihn als "bullish" beschreiben.

Die Bundeskanzlerin glaubt, die freudige Konsumlaune sei ihr Werk, weil sie im Krisenjahr 2009 eine generöse Generalgarantie für alle Sparguthaben aussprach. Das habe beruhigend und somit stimulierend gewirkt, hält sie sich zugute.

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