Laut Umfrage 6 bis 7 Prozent der Stimmen
Thüringens Grüne können auf Rückkehr in den Landtag hoffen

In Ostdeutschland schießen neue Spekulationen um eine schwarz-grüne Partnerschaft ins Kraut, denn Bernhard Vogels Nachfolger Dieter Althaus (CDU) droht die absolute Mehrheit zu verlieren.

ERFURT. Herbst 1994 – die Grünen im Osten sind am Boden. Die bittere Bilanz weniger Wochen lautete: Knapp gescheitert in Thüringen, abgestürzt in Brandenburg, verloren in Mecklenburg, rausgeflogen in Sachsen. In keinem Parlament in den fünf neuen Ländern sind Joschka Fischers Parteifreunde mehr vertreten. Erst jetzt, zehn Jahre später, könnte das anders werden: Wenn am 13. Juni in Thüringen der neue Landtag gewählt wird, stehen die Grünen möglicherweise vor einem Comeback. Jüngste Umfragen sagen der Ökopartei bei den zwei Millionen Wählern zwischen Arten und Sonneberg sechs bis sieben Prozent voraus. Spitzenkandidatin Astrid Rothe, 30 Jahre jung und Pfarrerstochter, wähnt sich schon sicher im Erfurter Parlament.

Die Parteistrategen hoffen auf einen Dammbruch, der die Grünen nach einem Thüringer Erfolg im September auch in die Parlamente in Dresden und Potsdam spült. „Die anderen blicken mit großer Hoffnung auf uns”, sagt Katrin Göring-Eckardt, Bundestags-Fraktionschefin und Co-Landesvorsitzende in Thüringen. Der Rückenwind aus Berlin für die bisherige Diaspora ist entsprechend groß: Außenminister Fischer nimmt sich kommendes Wochenende zwei Tage Zeit für Erfurt, Jena und Eisenberg.

Schon schießen neue Spekulationen um eine schwarz-grüne Partnerschaft in Thüringen ins Kraut. Denn: Bernhard Vogels Nachfolger Dieter Althaus (CDU) droht die absolute Mehrheit zu verlieren. Eine gestern vorgestellte Forsa-Umfrage sagt der Union nur noch 43 Prozent und damit acht Punkte weniger als 1999 voraus. Ein Scheitern der Union ginge rein rechnerisch mit auf das Konto der Ökopaxe und könnte sie im Falle einer schwarz-grünen Koalition gar in Regierungsverantwortung bringen. Der deutschlandweit erste Seitensprung zu den Schwarzen wäre eine politische Sensation im grünen Herzen Deutschlands.

Allerdings betont Göring-Eckardt, die als Ministerin in Betracht kommt, sie könne bislang keine einzige inhaltliche Übereinstimmung mit Althaus’ CDU entdecken. Auch Reinhard Bütikofer, Parteichef der Bundesgrünen, sagte dem Handelsblatt: „Eine Partei, die noch gar nicht im Landtag ist, sollte die Bescheidenheit aufbringen, nicht über Koalitionsspekulationen zu reden.“ Dennoch werden ernste Verhandlungen keineswegs ausgeschlossen.

Auch Althaus hält sich bisher bedeckt. Beobachter halten eher eine große Koalition mit der SPD um den Berliner Bildungsstaatssekretär Christoph Matschie für wahrscheinlich. Die grüne Vorsicht in Erfurt hat indes noch einen anderen Grund. Im September 1994 hatte der grüne Bürgerrechtler Werner Schulz drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen öffentlich eine schwarz-grüne Koalition für möglich erklärt und damit ein Tabu gebrochen. Beim Urnengang ging seine Partei baden, viele Parteifreunde haben Schulz dieses „Foul” bis heute nicht verziehen.

Anno 2004 brauchen sich Sachsens Grüne solche Sorgen nicht zu machen. Eine schwarz-grüne Koalition gilt diesmal ohnehin als unrealistisch. Zwar liegen die Zustimmungswerte der Grünen bei 5 Prozent und mit der Bundestags-Haushaltsexpertin Antje Hermenau als Spitzenkandidatin ist eine Rückkehr ins Parlament durchaus möglich. Doch die absolute Mehrheit unter Georg Milbradt ist bislang nicht in Gefahr. Sachsen würde neben SPD und PDS nur um eine Oppositionsstimme lauter.

Gründe für die Renaissance der Grünen im Osten lassen sich viele finden. Bütikofer nennt vor allem den bundesweit guten Stand: „Der schlägt sich auch in den ostdeutschen Ländern nieder.”

Tatsächlich scheinen die Grünen vom Berliner Durcheinander zu profitieren. Zudem gebe es insbesondere mit den vielen jungen Frauen in allen Ostländern „vorzeigbare Gesichter an der Spitze”, sagt Bütikofer. Vor allem aber hätten „die Leute den Hals voll von der Stagnation des Dreiparteiensystems in Ostdeutschland: PDS, SPD, CDU, und nichts geht nach vorne”.

1999, zu Zeiten von Kosovo-Krise und rot-grünem Krach, war das grüne Comeback kaum denkbar, sagen heute die Parteilenker. Doch inzwischen seien die alten Kämpfe überwunden und parteiinterne Personalien geklärt. Das gilt auch für Brandenburg, wo der frühere Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland ins Rennen geht. Der 56-jährige spricht eine neu entstandene Klientel an: Ex-Berliner, die sich im Speckgürtel der Metropole niedergelassen haben. Mit Hilfe dieser Wähler könnten die Grünen auch in Brandenburg die Fünf-Prozent-Hürde überwinden, wie Umfragen jetzt ergaben.

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