Lauterbach fordert freien Zugang zur PKV auch für Niedrigverdiener
Kassenchef will Privatkassen zu Solidarbeitrag verpflichten

Angesichts der verfahrenen Reformdiskussion beim Thema Gesundheit suchen die Krankenkassen offenbar verstärkt nach Alternativen zum Prämienmodell der CDU und den Bürgerversicherungsplänen von Rot-Grün. Der Vorstandschef der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), Ingo Kailuweit, schlug jetzt einen Solidarbeitrag der 50 privaten Krankenversicherungsunternehmen zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Höhe von drei Milliarden Euro vor.

BERLIN. „Wir müssen die privaten Krankenkassen in den 1994 gegründeten Finanzausgleich innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung einbeziehen,“ sagte Kailuweit im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dies sei der einfachste Weg, einen gerechten Ausgleich für die zunehmende Abwanderung von Besserverdienern und Gesunden in die private Krankenversicherung zu erreichen und gleiche Wettbewerbsbedingungen herzustellen, ohne die Pflichtversicherungsgrenze abzuschaffen. Die Aufhebung dieser Einkommensgrenze von derzeit 3862,59 Euro ist ein Kernelement der Bürgerversicherungspläne der Koalition.

Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) wies den Vorschlag als „unrealisierbar“ zurück. Der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach warf dem KKH-Chef vor, sich vor einer notwendigen umfassenden Reform zu drücken. Er schlug stattdessen vor, die private Krankenversicherung im Rahmen einer Bürgerversicherung für alle Einkommensbezieher, also auch für Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose, zu öffnen. „Dann wird der Wettbewerb entscheiden,“ sagte Lauterbach dem Handelsblatt.

Derzeit sind 70 Millionen Bundesbürger gesetzlich versichert. 8,1 Millionen Angestellte mit Einkommen über der Pflichtversicherungsgrenze und Selbstständige haben eine private Vollkostenversicherung. Als der Finanzausgleich in der GKV 1994 eingeführt wurde, waren es noch 6,9 Millionen. Jedes Jahr wachse damit, so Kailuweit, die Zahl derer, die sich aus der Solidarität in der GKV verabschiedeten.

Da die PKV-Unternehmen vornehmlich Gesunde neu aufnähmen – anders als bei der GKV gibt es dort nicht den Zwang, dass ein jeder genommen werden muss (Kontrahierungszwang) – würden die Wettbewerbsverzerrungen zwischen den beiden Systemen immer größer. „Obwohl die PKV höhere Honorare an Ärzte und Krankenhäuser zahlt, gibt sie pro Versicherten im Jahr mit 1 444 Euro 22 Prozent weniger aus als die GKV (1860 Euro).“ Lege man die Durchschnittsausgaben für alle 78,1 Millionen Versicherten von 1 816 Euro zu Grunde, koste die Entsolidarisierung der GKV pro Jahr und Versicherten 44 Euro. Der Wettbewerbsvorteil der PKV summiere sich auf satte 372 Euro je Versicherten oder insgesamt 3,2 Mrd. Euro. Diese Summe sollen die PKV-Unternehmen nach Ansicht des KKH-Chefs in den Finanzausgleich der GKV einbringen. Dadurch ließe sich der durchschnittliche GKV–Beitrag um 0,3 Prozentpunkte senken. Auf den Systemwechsel zur Bürgerversicherung könnte verzichtet werden.

Seite 1:

Kassenchef will Privatkassen zu Solidarbeitrag verpflichten

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%