Hilfe für DDR-Flüchtlinge
Gefälschte Pässe, Tunnel und viel Risiko

Bis ins kleinste Detail wurden Fluchten aus der DDR vom Westen vorbereitet. Doch Aktionen scheiterten auch, zum Beispiel an einem gefälschten Pass-Stempel. Eine Ausstellung in Berlin zeigt die Geschichte der Fluchthilfe.
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BerlinIn einem raffiniert umgebauten Cadillac gelang so manche Flucht von Ost nach West. „Der Ami-Schlitten wurde bei jeder Tour umgespritzt und bekam eine andere Nummer“, erinnert sich der einstige Fluchthelfer Ralph Kabisch. Im Hohlraum hinter dem breiten Armaturenbrett brachte er DDR-Bürger von „sozialistischen Bruderstaaten“ aus in die Freiheit. Er denke noch immer viel daran - „das lässt mich nicht los“, sagt Kabisch. 1967 wurde er in der Tschechoslowakei verhaftet und monatelang verhört. Der Prager Frühling rettete den Studenten aus West-Berlin.

Diese und andere Geschichten sind in der Ausstellung „Risiko Freiheit“ in der Berliner Gedenkstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu erfahren. Es ist die erste umfassende Sonderschau zur Fluchthilfe von westlicher Seite für DDR-Bürger, wie Gedenkstättenleiterin und Kuratorin Maria Nooke sagt. Kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls beleuchtet eine Ausstellung die Zeit vom Bau der Mauer 1961 bis zu den Massenfluchten von DDR-Bürgern im Herbst 1989.

Gezeigt werden gefälschte Pässe, Zeichnungen für den Tunnelbau und Stasi-Berichte über Spitzel, die Fluchtpläne verrieten. In einem Regalfach liegen eine Zigarettenschachtel der Marke „John Silver“, ein Zuckerwürfel, Streichhölzer. „Mit solchen Utensilien wurden DDR-Flüchtlinge ausgestattet, die mit falschem Pass per Zug in den Westen fuhren“, erläutert Nooke. „Da musste jedes Detail stimmen, aus der Kleidung wurden die Etiketten herausgetrennt, damit nicht ein VEB (Volkseigener Betrieb)-Schildchen die DDR-Herkunft verriet.“

Nach Schätzungen verließen zwischen vier und fünf Millionen Menschen die DDR in den 40 Jahren ihrer Existenz seit 1949. Der Bau der Berliner Mauer vom 13. August 1961 stoppte zwar den Flüchtlingsstrom. Doch schafften es noch etwa 960.000 Übersiedler in den Westen, 235.000 von ihnen ohne Genehmigung als „Republikflüchtlinge“.

Dem heute 72-jährigen Kabisch ist wichtig: „Wir haben mit den Fluchten kein Geld verdient. Ganz eindeutig Nein.“ Mit späteren, kommerziellen Aktionen habe er nichts zu tun. Bezahlt worden seien nur die Aufwendungen, um die Flucht zu organisieren. Der Bauingenieur im Ruhestand gehörte auch zu denen, die den legendären Tunnel 57 von West-Berlin aus gruben, über den Anfang Oktober 1964 57 Ost-Berliner flohen. Der Tunnel wurde danach verraten.

Konzentrierten sich die Fluchtwege nach dem Mauerbau zunächst auf Berlin und 18 dort gegrabene Tunnel, kamen bald Transitstrecken nach Westdeutschland und Skandinavien hinzu. Die ersten Helfer, die Fluchten zumeist für Bekannte oder Kommilitonen aus idealistischen Gründen organisierten, waren West-Berliner Studenten.

Doch das positive Image der Fluchthelfer als Freiheitskämpfer litt. Viele hätten sich gezwungen gesehen, sich den steigenden Aufwand bezahlen zu lassen, sagt Nooke. „Es galt: Je teurer, desto sicherer.“ In der Ausstellung ist auch ein Abzahlplan für Flucht-Schulden zu sehen. Manche Helfer seien kriminell vorgegangen. Aber es war gefährlich: Wen die Stasi als „Menschenhändler“ fasste oder wer verraten wurde, musste mit jahrelangem Knast rechnen.

Durch die neue Ostpolitik von Willy Brandt (SPD) wurden Fluchthelfer im Westen laut Ausstellungstext auch als Störer der deutsch-deutschen Annäherung gesehen. Doch die Schau endet mit couragierten Helfern vom Sommer 1989. Sie zeigten DDR-Leuten, wie die Botschaft der Bundesrepublik in Warschau zu erreichen war oder wie man über die Grenze nach Österreich kam. Wenige Wochen später fiel die Mauer

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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