Medienkritik
Austeilen ohne Einzustecken

Die Causa Wulff, der Sturz des Plagiators Guttenberg, der Sexismus-Vorwurf gegen Brüderle: Kritische Berichterstattung kann Politiker-Karrieren beenden. Doch wie kritisch gehen deutsche Journalisten mit sich selbst um?
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BerlinDeutsche Journalisten gehen in ihrer Berichterstattung mit Politikern und Managern hart ins Gericht. Das ist auch ihre Aufgabe. Schließlich sollen sie als sogenannte vierte Instanz Versprechen von Politikern und Entscheidungen von Konzernchefs kritisch hinterfragen – und den Menschen damit ermöglichen, sich eine abgerundete Meinung zu bilden. Doch auch Selbstkritik wäre manchmal angesagt. Stellte sich doch nicht nur jüngst im Falle des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff heraus, dass die Medien es mit ihrer Schelte auch zu weit treiben können.

Deutsche Journalisten tun sich mit Selbstkritik aber schwer. Das zeigt die Studie „Zimperlieschen? Wie deutsche Journalisten mit Kritik umgehen“ des Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus an der TU Dortmund. Rund 1.800 Journalisten aus zwölf europäischen und zwei arabischen Ländern beantworteten Fragen zu Selbstkritik und Selbstkontrolle im eignen Berufsalltag.

Redaktion als kritikfreie Zone

Dabei wissen Journalisten, dass sie eine hohe gesellschaftliche Verantwortung tragen. Die absolute Mehrheit von fast 90 Prozent bekennt sich dazu, dass Medien verantwortlich handeln müssen – auch als Voraussetzung für die Pressefreiheit. Doch in der alltäglichen Arbeit steht Selbstkritik nicht auf der Tagesordnung. So geben nur rund 6 Prozent der deutschen Journalisten an, dass sie regelmäßig Kritik an der Arbeit von Kollegen üben. Damit ist Deutschland absolutes Schlusslicht im internationalen Vergleich. In anderen Ländern dagegen wie etwa Finnland ist Kritik unter Kollegen bei fast 50 Prozent der Journalisten Norm. „In Finnland sind die hierarchischen Strukturen in den Redaktionen weniger stark. Das macht Kritik unter Kollegen leichter“, sagt Susanne Fengler, Leiterin des Erich-Brost-Institut. Auch eine verschwindend geringe Zahl der deutschen Journalisten muss häufig Kritik einstecken – weder intern von Kollegen oder Vorgesetzten, noch extern von ihren eigenen Lesern oder von Politikern.

Kommentare zu " Medienkritik: Austeilen ohne Einzustecken"

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  • Aber,aber nicht doch ! Journalisten schreiben das ,was sie schreiben müssen.Das ist überlebenswichtig,sonst waren sie Journalisten.

  • Warum soll man ausgerechnet (nur) von Journalisten Selbstkritik erwarten? Welcher andere Berufsstand tut sich denn damit schon leicht?
    Gezeigt, geschrieben und gedruckt wird, was sich gut verkauft. Wer bei Ereignissen persönlich vor Ort war und diesen Eindruck mit der anschließenden Berichterstattung vergleicht merkt, dass vieles geschönt und teilweise auch effekthaschend vemarktet wird.

  • Selbstkritik? Achtung der Lesermeinung?

    Sogar "Bild" hat den Anspruch zu bilden.

    Wenn der deutsche Journalismus ein Problem mit Hierarchien in den Redaktionen hat, dann der Umfrage nach allenfalls aus vorauseilendem Gehorsam.

    Tatsächlich ist der deutsche Journalist ein von Sendungsbewusstsein getriebener Oberlehrer, der um's Verrecken keine Hinweise vom tumben deutschen Michel benötigt, dem er ja gerade mühsam mit dem schon schmerzenden erhobenen Zeigefinger Einsicht in die einzig selig machende Wahrheit predigt.

    In Umfragen zeigen sich angeblich selbst die Redakteure von FAZ und "Welt" mehrheitlich rot-grün. Welche Ratschläge wollen die von ihren christ- oder frei-demokratischen Lesern hören?
    Außer "geißelt uns härter, wir verstehen noch nicht!"?

    Und was bitteschön soll eine Kontrolle der Medienlandschaft bedeuten, wenn die Tagesschau etwa als Qualitätsmedium gilt - in dem z.B. eine Stoiber-Merkel-Pressekonferenz im Wahlkampf 2002 regelrecht zu einer Ansammlung Stoibers "Ähmm..." zusammengeschnitten wird, Schröder sich aber sehr gefällig, wenn auch inhaltsleer äußern kann? Wie kritikfähig soll eine Journalistenlandschaft sein, in der keine Häme ausgelöst wird, wenn ein NDR-Vertreter angesichts der Rangeleien im ZDF-Medienrat sich freut, dass dies im NDR nicht passieren kann - und zum Beweis dessen auf das breite Spektrum der Bevölkerung verweist, welches im NDR-Medienrat vertreten sei - einem Sammelsurium traditionell sozialdemokratischer und links davon angesiedelter Vereinigungen?

    Der deutsche "Qualitätsjournalismus" nimmt nicht einmal wahr, dass ausgerechnet Friede Springer der einzige Faktor ist, der die deutsche Medienlandschaft vor einer linken Gleichschaltung bewahrt. Nein: Es wird wahr genommen - als Störfaktor.

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