Menschenversuche in der DDR
Unternehmen drohen Schadenersatzforderungen

Auf westdeutsche Pharmakonzerne, die Menschenversuche in der DDR betrieben haben sollen, kommen möglicherweise Klagen zu. Ein Experte rät den Unternehmen daher, Opfern Entschädigungsangebote zu machen.
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BerlinDer Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, geht davon aus, dass auf die an den Medikamentenversuchen in der ehemaligen DDR beteiligten Unternehmen Schadensersatzforderungen zukommen werden. „Es gibt eine Reihe von Anwälten, die nur darauf warten, die Ansprüche von Opfern zu vertreten. Da es sich meist um weltweit agierende Konzerne handelt, können diese auch in den USA geltend gemacht werden, wo sie leichter durchgesetzt werden können", sagte Knabe Handelsblatt Online. "Die Firmen wären daher gut beraten, eigene Vorschläge zur Schadensregulierung zu machen."

Hintergrund ist ein Bericht des "Spiegel". Demnach ist das Ausmaß der Arzneimitteltests westdeutscher Pharmaunternehmen in DDR-Kliniken offenbar größer als bisher bekannt. In mehr als 50 Kliniken sollen über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben worden sein. Mehr als 50.000 Menschen sollen - teils unwissentlich - als Testpatienten gedient haben. Für einzelne Studien seien viele hunderttausend D-Mark gezahlt worden.

Berichte über Medikamententests in DDR-Krankenhäusern sind nicht neu. Bereits 1991 hatte eine Kommission in den Kliniken Ost-Berlins „Arzneimittelprüfungen am Menschen“ untersucht, wie das Bundesgesundheitsministerium auf dpa-Anfrage mitteilte. Ende 2012 war in Medienberichten von rund 165 Medikamentenstudien die Rede gewesen.

Der „Spiegel“ schreibt nun, dass mehrere Testreihen wegen Todesfällen abgebrochen werden mussten und beruft sich auf Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR.

Knabe forderte eine umfassende Untersuchung der Vorgänge. "Wenn es stimmt, dass in Ostdeutschland mehr als 50.000 Menschen als Testpatienten missbraucht wurden, handelt es sich um einen der größten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte", sagte er. "Die Bundesregierung ist in der Pflicht, für Aufklärung zu sorgen und vor allem die Betroffenen zu informieren." Für die Durchführung der Untersuchung kämen der Forschungsverbund SED-Staat in Berlin und das Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin in Leipzig in Frage.

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Womöglich West-Behörden in die Vorgänge verstrickt

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  • Der Vorgang rüttelt auf. Sogar die damaligen Bundesgesundheitsministerin wusste nichts (s. ihr mdr- Interview). Offenkundig gab es aber Mitbürger (wie beispielsweise margritt17888), die davon zwar umfassend Kenntnis besaßen, aber ihr Wissen (zumindest hier im Forum) nie preisgaben. Schwerer als die Tatvorwürfe wiegt deshalb das Vertuschungsinteresse. Die Rechtsvorschriften zum selektiven Umgang mit Akten zweier Diktaturen haben dies begünstigt. Dafür spricht, dass der Vorgang nicht an die Öffentlichkeit kam, obwohl er in den Stasi-Unterlagen umfassend dokumentiert ist. Merkels FDJ-Mitgliedschaft wurde dagegen recht schnell veröffentlicht und danach von zahlreichen Plagiatoren neu aufgewärmt. Angesichts dieser befremdlichen Situation gibt es Wichtigeres als Schadensersatzforderungen. Eingefordert werden muss stattdessen die paritätische Besetzung des höchsten und gehobenen Dienstes mit ostdeutschen Bürgern. Parteiübergreifend sitzen engagierte, verdienstvolle und kluge Ost-Fachleute praktisch seit Jahren im Abseits. Die hoch dotierten Stellen in den ostdeutschen Justizbehörden sind nahezu vollständig von landesfremden Beamten besetzt, während in den Regalen der Märkte die ostdeutschen Produkte immer noch Seltenheitswert besitzen. So gedeiht „innere Einheit“ nicht. Vaatz und Bergner haben ihrer Empörung freien Lauf gelassen. Diese Empörung muss nun zur Überwindung der chronischen Unterrepräsentanz in der Ministerialbürokratie und Justiz führen. Auf diese Weise werden klaffende Wunden besser geheilt, als durch Freikauf von vermuteter oder tatsächlicher Schuld.

  • Das ist doch nicht eu. Warum wird das denn jetzt wieder ausgegraben? Was will man damit erreichen?
    Das ist alles schon seit der Wende bekannt

  • Um an Bares zu kommen war und ist den SED-Kommunisten (jetzt Die Linke)jedes Mittel recht, da spielen ein paar menschliche Opfer keine Rolle.
    Da das DDR Bauern und Arbeiterparadies ewig pleite war ist das nichts als "Insolventsverschleppung" gewesen und der Krampf des eigenen Überlebens der korupten Kommunisten, aber letztendlich hat alles nichts geholfen und die Pleite war zum Glück der normalen (außer Stasi, IM, PG usw.)nicht mehr auf zu halten.

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