Mitgliederschwund gefährdet Interessenvertretung
Wiesehügel drängt IG Bau zu Neuanfang

Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) steckt in einer Krise, die ihre gewohnte Rolle als Interessenvertretung für die noch 770 000 Beschäftigten der Bauwirtschaft in Frage stellt. Derzeit sei nicht absehbar, ob der bundesweite Bau-Flächentarif noch Zukunft habe, sagte Gewerkschaftschef Klaus Wiesehügel am Mittwoch in Berlin.

dc BERLIN. Daher müsse die IG Bau die dreijährige Laufzeit ihres jüngsten Tarifabschlusses nutzen, um sich „in den Betrieben grundlegend neu aufzustellen“. In dieser Hinsicht gebe es „viel nachzuholen“, räumte Wiesehügel ein. Er kandidiert auf dem IG-Bau-Kongress nächste Woche in Bonn für eine vierte Amtszeit als Vorsitzender. Angesichts der anhaltenden Flaute im Bausektor verzeichnet die Gewerkschaft einen drastischen Mitgliederschwund: Allein seit 2001 sank die Mitgliederzahl um 21 Prozent auf 406 000. Zum Vergleich: Die IG Metall hat im selben Zeitraum etwas mehr als zehn Prozent ihrer Mitglieder verloren. Seit 1995 macht der Rückgang bei der IG Bau sogar gut 40 Prozent aus. Die Beschäftigtenzahl am Bau hat sich seither fast halbiert.

Der Flächentarif ist dabei von zwei Seiten unter Druck: Zum einen fällt es den Arbeitgeberverbänden immer schwerer, die Mitgliedsbetriebe auf gemeinsame Tarifergebnisse einzuschwören. Das zeigte sich bereits bei der Ende Juli abgeschlossenen Tarifrunde, deren für die Gewerkschaft mageres Ergebnis den Zentralverband des Baugewerbes (ZDB) beinahe gespalten hätte. Zum anderen steuert die IG Bau wegen schrumpfender Beitragseinnahmen auf eine Situation zu, in der sie immer schwerer eine flächendeckende Interessenvertretung finanzieren kann. Seit 1995 hat sie 350 von 1050 Funktionärsstellen abgebaut.

Wiesehügel will darauf mit dem Konzept einer „Mitmach-Gewerkschaft“ antworten. Bisher habe sich die IG Bau zu wenig um das Engagement ihrer Mitglieder an der Basis bemüht. Über die Umsetzung eines solchen Kurswechsels deuten sich indes hitzige Debatten auf dem Gewerkschaftstag an: Der Ansatz läuft darauf hinaus, dass sich die Gewerkschaftszentrale stärker in die Arbeit ihrer Bezirksstellen einmischt.

Zwar will Wiesehügel seine Organisation „vorsichtshalber“ darauf einstellen, dass Tarifkonflikte künftig Betrieb für Betrieb geführt werden. Von den Eckpfeilern der Tarifpolitik am Bau rückt er jedoch nicht ab. Dazu zählt auch der für nicht tarifgebundene Betriebe verbindliche Mindestlohn. Von der künftigen Regierung erwartet sich die IG Bau ein Programm zur Stärkung öffentlicher Investitionen. Nach ihrer Vorstellung sollen dazu Unternehmen und Arbeitnehmer mit Einkünften von mehr als 55 000 Euro pro Jahr eine zinslose Zwangsanleihe zeichnen.

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