Müntefering-Comeback
„Was sind das für Waschlappen?“

Comeback eines Politgranden: In München ist Franz Müntefering zum ersten Mal nach seinem Rücktritt als Vizekanzler und Bundesarbeitsminister und nach dem Tod seiner Frau öffentlich aufgetreten. Eines wurde dabei wieder einmal deutlich: Müntefering kann wie kein zweiter die sozialdemokratische Seele ansprechen - und nach wie vor ordentlich austeilen.

MÜNCHEN. Da marschiert er ein in den Hofbräukeller, Franz Müntefering. An seiner Seite der Spitzenkandidat der SPD im bayerischen Landtagswahlkampf, Franz Maget. Franz und Franz. Der Saal jubelt, stehende Ovationen. Müntefering trägt wieder seinen grauen Anzug, ein hellblaues Hemd und rote Krawatte. Er lacht, schüttelt Hände, erkennt Freunde, winkt. Er ist wieder da!

"Einmarsch der Gladiatoren" nennen sie hier in München so etwas. Berufskämpfer sind in der Tat beide. Maget versucht seit 2003, die SPD im Königreich der CSU an die Macht zu bringen - oder zumindest in die Nähe. Magere 19,7 Prozent waren es beim letzten Mal gegen den übermächtigen Edmund Stoiber. Und da ist Franz Müntefering, der Parteivorsitzender der SPD war, Vizekanzler und Bundesarbeitsminister, einer, der seit Jahrzehnten sein Leben in den Dienst der Partei gestellt hat - bevor er dann vor neun Monaten alle Ämter abgab, weil er seine kranke Frau Ankepetra pflegen wollte. Sie starb vor gut einem Monat.

Jetzt kämpft er wieder für die Partei. Welche Rolle will er, welche Rolle wird er wieder in der SPD spielen? Sagt er etwas zur Kanzlerkandidatur? Die Fragen stehen im holzvertäfelten großen Saal des Hofbräukellers wie die Luft. "Seine Stimme hat Gewicht", sagt ein Zuschauer. Der Saal ist heillos überfüllt, Kamerateams und tippende Journalisten geben den Eindruck, dieser Moment sei ein historischer. Müntefering ist eine Ikone der SPD. Die einen wünschen ihn sich zurück, die anderen wollen ihn wenigstens als Granden behalten, der sich auch ohne Ämter im richtigen Moment zu Wort meldet.

Und er meldet sich mit aller Wucht. "Was sind das für Waschlappen?", fragte er und meint die CSU-Größen. "Es ist besser: Heißes Herz und klare Kante, als Hose voll", ruft er der johlenden Menge zu. Der CSU-Ministerpräsident Günther Beckstein und der CSU-Parteivorsitzende Erwin Huber wähnten sich im Schaukelstuhl, säßen aber auf einer Rutsche. "Wer führen will, muss bereit sein, die Fahne tragen." Das passt.

Müntefering, das ist der klassische Typ eines Sozialdemokraten. Einer der in seiner Laufbahn jeden Ortsverein in der Republik besucht haben dürfte. Der die Menschen mit seinen einfachen Hauptsätzen ohne Schnörkeln und Nebensätze anrührt. Der eine alte Dame herzlich drückt und Betriebsräten die Schulter klopft. Der in kleiner Runden Anekdoten aus dem Leben erzählt, etwa, wie er 1954 bei der Tante das WM-Finale schaute, als Deutschland Fußballweltmeister wurde. Im Sauerland aufgewachsen, lernte der heute 68jährige Industriekaufmann und arbeitete in der Metallindustrie. Sein Vater war Landwirt, die Mutter Hausfrau. Zwei Kinder hat er. Ja, einer wie er, das ist ein Genosse! Der redet nicht nur, der ist einer von den einfachen Menschen. Auch ohne Ämter gilt er noch als einer der mächtigsten SPD-Politiker - und als einer, der die sozialdemokratische Seele ansprechen kann.

Vergangenes Jahr hat Müntefering seinem zweiten Nachfolger als Parteivorsitzender, Kurt Beck, gezeigt, wie es geht. Bei der traditionellen Spargelfahrt des Seeheimer Kreises hatte erst Beck geredet und es mit Sätzen über die Pfälzer Weinköniginnen und anderem wenig Berührendem nicht vermocht, die Genossen zu begeistern. Dann kam Müntefering. Er redete von der Tradition, von Willy Brandt und den Stolz, den ein Genosse haben darf. Die Menge stand johlend auf und jubelte.

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