Nachruf
Loki mochten alle

Den Beinamen, den sie sich als kleines Kind selber gegeben hatte, kannten alle: „Loki!“ Kurz und bündig, doch irgendwie einnehmend stand er für eine Frau, deren Leben sich in mancher Hinsicht beispielhaft nennen lässt. Am 21. Oktober 2010 ist es nach 91 Jahren zu Ende gegangen. Hannelore Schmidt war eine Naturschützerin von Rang und Gefährtin eines großen Mannes. Ein Nachruf von Dieter Buhl.
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HAMBURG. Vieles spricht dafür, dass Loki, alias Hannelore Schmidt, geborene Glaser, ihrem Ableben gefasst entgegen gesehen hat. Die bekennende Atheistin - „ich als Heide“ - hat nie Angst vor dem Tode zu erkennen gegeben. Eher mag sie auf das Sterben als Erlösung gewartet haben, denn in ihren letzten Lebensmonaten hat sie manches Mal über die Bürde des hohen Alters geklagt. Nur unter Schmerzen gehen zu können, selbst bei alltäglichen Handlungen auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, wegen schwindender Kraft auf ihre Aktivitäten im Naturschutz und an der Seite ihres Mannes verzichten zu müssen, verleitete sie gelegentlich zu kaum verhülltem Resignieren.

Das Interesse an Kunst und Architektur hat sie, neben der Geborgenheit, immer wieder als wichtigste Mitgift ihres Elternhauses genannt. „Bei uns zu Hause wurde oft musiziert, und meine Eltern besuchten Volkshochschulkurse, die sie besonders interessierten, zum Beispiel über Baukunst oder Geschichte.“ Der Bildungsdrang der Familie Glaser mag heute erstaunlich erscheinen, während der zwanziger und dreißiger Jahre war er in der Arbeiterschicht keine Seltenheit.

Was in Lokis Familie angeregt worden war, wurde in der musisch geprägten Lichtwarkschule weiter gefördert. Dort gab es Chöre und Orchester, die bei den Schülern eine lebenslange Freude an der Musik weckten. Dass Loki auf dem koedukativen Gymnasium im Schulkameraden Helmut Schmidt ihrem späteren Ehemann begegnete, ist gewiss ein weiterer Grund dafür, dass die Schmidts selbst als über 90-Jährige noch von ihrer Schule schwärmten.

Vieles von dem, was sie dort lernte, hat die begeisterte Pädagogin später an ihre Schülerinnen und Schüler weitergegeben. Erziehung zur Selbständigkeit und Verständnis für die Musen standen weit oben auf ihrem Lehrplan. Die Bemühungen sind auf fruchtbaren Boden gefallen und mündeten in Dankbarkeit. Fast bis zuletzt traf sich Hannelore Schmidt mit ehemaligen Klassenkameraden, die sie auch nach vielen Jahrzehnten verehrten, ja liebten.

Sie brachte ihren Mitmenschen Aufmerksamkeit entgegen und konnte sie nicht zuletzt deshalb für sich gewinnen. „Ich kenne niemanden“, hat ihre Tochter Susanne einmal festgestellt, „der meine Mutter nicht leiden kann.“ Und das, obwohl Loki durchaus lehrerhafte Strenge zeigen konnte, wenn etwa ein Gesprächspartner Ignoranz in naturwissenschaftlichen Dingen erkennen ließ. In solchen Fällen kannte sie kein Pardon, bis die Wissenslücken ihres Gegenübers akribisch gefüllt waren.

Neben der Pädagogik wurde die Liebe zur Natur ihre zweite Bestimmung. Mit langen Fußmärschen zum Hamburger Botanischen Garten „Planten un Blomen“ - „um eine fremde Welt kennen zu lernen“ - war das Kind Loki schon früh einer ausgeprägten Neigung gefolgt. Weil sie parallel zur politischen Karriere ihres Mannes zunehmend Aufmerksamkeit auf sich zog, konnte sie Jahrzehnte später ihren ökologischen Vorstellungen immer größere Resonanz verschaffen. Unermüdlich warb sie für mehr Umsicht im Umgang mit der Natur und war sich für keine Strapaze zu schade.

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