Nokia
„Viel bessa-a, als man gla-a-ubt“

Der Abschied von Nokia hätte für Herbert Grönemeyers Heimat auch etwas Gutes: Er zwingt Bochum dazu, seinen Strukturwandel voranzutreiben. Die Initiative "Bochum 2015" fasst Planspiele zusammen, wie die Stadt unabhängiger von Großunternehmen werden und die Wirtschaft auf ein breiteres Fundament gestellt werden könnte.

BOCHUM. Es geschieht eigentlich nie, dass Manfred Busch das Fenster direkt neben seinem Besprechungstisch öffnet. Dieses Mal macht er eine Ausnahme. Sein Besucher soll sehen, was es bedeutet, wenn Busch sagt: "Wir leben bereits von der Substanz."

Er stemmt sich gegen den Sims und zieht am Fenster. Langsam und knarrend öffnet es sich. Die Scheibe klirrt, als wolle sie zerspringen. Beim Schließen braucht Busch noch mehr Kraft, um das Fenster zurück in den Rahmen zu drücken. "Wir leben von der Substanz", wiederholt Busch, der Kämmerer der Stadt Bochum, halb ärgerlich und halb resigniert, "weil wir nicht genug investieren."

Und Busch hat es noch vergleichsweise gut. Bei einigen Kollegen im Rathaus pfeift es durch alle Ritzen. Unten an den Türen wachen Strickdackel, um die Wärme im Raum zu halten. Nicht nur Bochums Rathaus ist marode. "Insgesamt", sagt Manfred Busch, "haben wir in öffentlichen Gebäuden einen Sanierungsstau in dreistelliger Millionenhöhe."

Dass das noch länger so bleiben wird, weiß der 53-Jährige seit eineinhalb Wochen genauer als je zuvor. Da verkündete Nokia, sein Werk in der Ruhrgebietsmetropole zu schließen. Über 4 000 Menschen, die Beschäftigten von Zulieferbetrieben eingeschlossen, werden wohl ihren Job verlieren - und die Stadt einen der größten Gewerbesteuerzahler. Etwa 23 bis 25 Millionen Euro jährlich überwies Nokia bislang an Manfred Buschs Kasse: 15 Prozent der gesamten Gewerbesteuereinnahmen, sechs Prozent aller Steuern und Abgaben, mit denen die Stadt dieses Jahr rechnete.

Bochum erwischte der Nokia - Schock völlig unerwartet, steht der finnische Hersteller von Mobiltelefonen doch besser da als alle Konkurrenten. Das belegen die Jahreszahlen, die Nokia am Donnerstag vorstellte: Umsatz plus 25 Prozent, Gewinn plus 67 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro. Am Aus für das Werk Bochum werde das aber nichts ändern, bekräftigte Nokia -Chef Olli-Pekka Kallasvuo erneut.

Nun muss in Bochum Plan B her. Doch offiziell mag noch keiner darüber reden. "Es wäre falsch, dies in einer Zeit zu tun, in der die Stadt um das Werk kämpft und noch nicht klar, wie das ausgeht", sagt Kämmerer Busch und schlüpft so kurz in die Rolle eines Politikers - schließlich saß er einst acht Jahre für die Grünen im NRW-Landtag in Düsseldorf.

Was auch Nokia noch entscheidet: Die Lehren für Bochum sind heute schon klar. Es sei nicht zielführend, räumt Busch ein, "alle Anstrengungen einschließlich der finanziellen Ressourcen auf wenige große Firmen zu konzentrieren".

Lernen braucht Zeit. Vor drei Jahren hat ein anderer Weltkonzern der Stadt beinahe die gleiche Lektion erteilt wie Nokia: General Motors. Aber die Stadtführung unter Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) habe es nicht eilig gehabt, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, kritisieren Oppositionspolitiker.

Heute Nokia, damals Opel: Auch im Herbst 2004 ging es um Tausende Arbeitsplätze, den Erhalt einer Fabrik, um den harten Kern von Bochums Wirtschaft. An der Ruhr erhob sich damals "das gallische Dorf Opel Bochum gegen das Weltreich General Motors". So beschrieb der Betriebsrat von Opel die Schlacht. Sie wurde gewonnen: Opel Bochum produziert weiter - einstweilen.

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