Kampagne gegen Kraft
Der Herr Gemein und sein Sinn fürs Digitale

„Peinlich“ und „zum Fremdschämen“: So lautet das Urteil aus dem Netz zur Wahlkampagne gegen SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Im Zentrum steht Franz-Josef Gemein. Der versteht die Aufregung nicht. Die CDU schon.
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DüsseldorfEs war einer dieser kleinen Termine, mit denen die Parteizentralen den Wahlkampfzirkus auf kleiner Flamme köcheln lassen. Oliver Wittke, CDU-Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen, stellt in Düsseldorf das erste offizielle Wahlplakat der Union vor: Fernsehkameras, ein schwarzer Vorhang fällt, das Plakat erscheint: ein lächelnder Norbert Röttgen mit einem sechsjährigen Jungen, der eine Baseball-Kappe trägt, ein Heile-Welt-Versprechen, wie es auf Wahlplakaten üblich ist. Der Slogan: „Politik aus den Augen unserer Kinder“.

Nicht wirklich ein Kracher, eher harmlos. Vor allem aber, und das kann Generalsekretär Wittke gar nicht genug betonen: Ein authentischer Ausspruch sei das, hier ist nichts designed, es sei ein Satz aus dem Munde des Spitzenkandidaten Röttgen. Wittke: „Diesen Slogan hat sich keine Werbeagentur ausgedacht.“

Das ist auch besser so, möchte man sagen, denn an diesem Tag hat die CDU zugleich ihre erste kleine Wahlkampfaffäre, einen Aufreger im Netz und bei Facebook, und daran ist ausgerechnet eine Werbeagentur schuld – die wohl ungefragt Gutes tun wollte und Böses hervorbrachte. „Friedsam und Gemein“ heißt sie, und weil sich die Agentur einen Slogan ausdachte, brennt jetzt bei der CDU in Düsseldorf die Hütte.

„Weniger Kraft“, heißt der Slogan, eine Seite auf Facebook hat die Agentur freigestellt, mit denkbar fragwürdigen Plakatmotiven: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit geöffnetem Schädel, aus dem nur Luftblasen steigen; ein Stinktier, das die rot-grüne Landesregierung darstellen soll; dazu wenig kreative Wortspiele mit dem Namen Kraft, wie „AbwehrKraft“, „KraftAkt“, und so weiter.

Blogs hatten die Kampagne im Netz entdeckt und die Affäre ins Rollen gebracht, unter anderem die Ruhrbarone und Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer in seinem Medienblog "Indiskretion Ehrensache". Und die Kritik ist verheerend: „peinlich“, „zum Fremdschämen“, „dumm“. Knüwer hat auch gleich einen Verdacht: Die CDU war’s. Und schließlich finden die Ruhrbarone einen Beweis: Auf der Kundenliste der Agentur findet sich – oh ha – die CDU Deutschland.

Besser: Sie fand sich. Jetzt findet sie sich nicht mehr. Womit wir zum Zentrum der Affäre vordringen: einem Mann namens Franz-Josef Gemein. Er ist der „Gemein“ von „Friedsam und Gemein“, Mitinhaber der Agentur, die – pikanterweise – ihren Sitz gar nicht in Nordrhein-Westfalen hat, sondern in Sinzig (Rheinland-Pfalz) und Wiesbaden (Hessen). Franz-Josef Gemein war mal stellvertretender Bundessprecher der CDU, von 2000 bis 2002, er diente CDU-Chefin Angela Merkel und betreute im Bundestagswahlkampf 2002 die Online-Aktivitäten der CDU.

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  • ... und hier ein neuer Link zu dem im Artikel erwähnten, von mir erstellten "Variante" der Kampagne - die auf wundersame Weise über Nacht aus dem Netz verschwunden war ... https://www.facebook.com/photo.php?fbid=2716171118611&set=a.1252493887595.29903.1686982347&type=3&theater

  • Hallo Freunde, ihr müsst den Artikel richtig lesen. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Dort steht Sinzig (Rheinland Pfalz) und Wiesbaden (Hessen). Die Firma hat zwei Domizile.

  • P.S: Jetzt weiß ich, warum ich mich auf dem Weg nach Wiesbaden immer verfahre...;-)

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