Ländercheck
Das geteilte Land NRW

NRW bildet eine starke Wirtschaftsmacht - allerdings ist das Land in zwei Teile geteilt. Während das Rheinland mit den Städten Düsseldorf und Köln floriert, ist das Ruhrgebiet ärmer als alle östlichen Bundesländer.
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Düsseldorf, FrankfurtEin West-Soli anstelle des Ost-Solis? Dass die Debatte über den Solidaritätszuschlag ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen (NRW) entbrannte, ist kein Zufall. Das nördliche Ruhrgebiet ist ärmer als alle östlichen Bundesländer, zeigt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Rheinschiene von Düsseldorf über Köln bis Bonn sowie die Universitätsstädte Aachen und Münster verfügen hingegen über ähnlichen Wohlstand wie wirtschaftliche Hochburgen in Süddeutschland.

„NRW ist ein zweigeteiltes Land“, stellt der Regionalentwicklungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), Klaus-Heiner Röhl, fest. Im Ruhrgebiet sei der Strukturwandel nicht offensiv genug angegangen worden, kritisiert er. „Es ist ein Warnsignal, dass NRW jetzt im Länderfinanzausgleich zum Nehmerland geworden ist.“

Dabei ist das gesamte Land durchaus wirtschaftlich stark: Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2010 laut Statistischem Bundesamt 543 Milliarden Euro, nach heutigen Wechselkursen wären das 719 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Damit hätte es laut IWF-Daten hinter der Türkei, aber vor Indonesien auf Platz 18 gelegen.

Groß sind die Probleme in NRW vor allem am Rand des Ruhrgebiets: In Remscheid und Wuppertal sank die Erwerbstätigenzahl seit der Wiedervereinigung je um 15 Prozent. In Gelsenkirchen ging sie um mehr als zehn Prozent zurück. Auch in Duisburg und Mülheim nahm sie ab. Aus den ehemals blühenden Industriestädten flüchten die Menschen.

Nordrhein-Westfalen

Entwicklung der Nettokreditaufnahme von Nordrhein-Westfalen

von 2004 bis 2010 (in Milliarden Euro)

Im Gegensatz dazu wuchs die Bevölkerung in Städten wie Köln, Düsseldorf und Aachen kräftig, in Bonn sogar trotz des Regierungsumzugs nach Berlin. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg seit 1991 in Münster und Bonn um rund ein Fünftel. Im Rhein-Sieg-Kreis, wo CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen seinen Bundestagswahlkreis hat, sogar um 26 Prozent.

Die Statistiker erwarten, dass sich diese Trends fortsetzen. Bis 2030 werden Städte wie Hagen und Gelsenkirchen nach amtlichen Schätzungen ein weiteres Zehntel ihrer Bürger verlieren, während die Städte an der Rheinschiene im gleichen Ausmaß wachsen. Die Gegensätze verfestigen sich – fast ist Nordrhein-Westfalen ein Abbild des Kontrastes zwischen West- und Ostdeutschland.

Nordrhein-Westfalen

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts von Nordrhein-Westfalen

von 2000 bis 2010 (in Millionen Euro)

Der große Anteil strukturschwacher Regionen bremst die Entwicklung des gesamten Landes. Eigentlich profitiert NRW mit seiner vielfältigen Industriestruktur genauso wie Bayern oder Baden-Württemberg vom exportgetriebenen Boom der deutschen Wirtschaft. Doch in sechs der letzten zehn Jahre entwickelte es sich schwächer als der Bundesdurchschnitt. Die Arbeitslosenquote ist zwar seit 2005 von zwölf auf acht Prozent gesunken, doch bundesweit fiel sie auf sieben Prozent.

Sorgen macht sich die nordrhein-westfälische Wirtschaft aktuell vor allem wegen der mangelhaft vorbereiteten Energiewende und dem Verfall der Infrastruktur, der auch der heiklen Finanzlage des Landes und vieler Kommunen geschuldet ist.

„Die Energiewende ist für NRW ein besonderes Problem“, warnt Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer von Unternehmer NRW, der Landesvereinigung der Unternehmerverbände. „Wir haben ein Klumpenrisiko, weil bei uns energieintensive Branchen wie Gießereien oder Aluminiumhersteller besonders stark vertreten sind.“ Schlimmer als anderswo ist auch die Unterfinanzierung der öffentlichen Infrastruktur – NRW ist das Stauland Nummer eins in Deutschland. „Das Verkehrschaos in NRW ist bundesweit bekannt“, klagt Mallmann.

Die leeren Kassen könnten eine Spirale nach unten in Gang setzen.  „Das Problem ist, dass manche Kommunen so verschuldet sind, dass sie sich zum Beispiel die Kofinanzierung neuer Gewerbegebiete nicht mehr leisten können“, fürchtet IW-Forscher Röhl.

Interaktive Infografik

Entwicklung der durchschnittlichen Arbeitslosenquote

von 1999 bis 2011, in %


Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

Kommentare zu " Ländercheck: Das geteilte Land NRW"

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  • wow 600 mio sind für den solidarpakt. was ist dann mit den 1,4 mrd. miese, die dortmund selbst zu verantworten hat? darüber kräht kein hahn. aber erst mal mit dem finger auf die anderen zeigen und nicht bei sich selbst anfangen, ob man eventuell die ein oder andere sache selbst verbockt hat. und jammern bringt auch nix. wer wählt denn die kasper in den stadtrat? das seid ihr doch, also geht dann wählen und macht doch eurem unmut da luft, anstatt zu jammern und mit dem finger auf andere zu zeigen. aber wem sage ich das, deutschland lernt ja nie aus der geschichte.

  • Ist wie bei uns in Krefeld.
    Kein Geld da, aber man macht Unsinnsprojekte wie neue Straßenbahn-Haltestellen die keiner braucht. Weil die alten noch in Ordnung sind
    Ich will ja nicht im Straßenbahn-Häuschen wohnen, ich stehe da mal 5 Minuten und warte auf die Bahn. Da muß kein Luxuspalast her
    Und so geht es munter weiter.
    Aber so lange auch in Rathäusern nur Laien sitzen, braucht man sich nicht wundern.
    Normale Verhältnisse bekämen wir, wenn wir endlich allen Politikern den Griff auf unser Geld entnehmen würden und das unabhängigen Steuerbratern und Wirtschaftsleuten übergeben.
    Bei diesen müssen die Politiker dann um Geld bitten und dann wird geprüft ob dies oder jenes wirklich nötig ist

  • Zur Schuldenproblematik empfehle ich den ZDF Beitrag, der sowohl in der Mediathek, als sogar auf youtube zu sehen ist: Die Welt auf Pump, die auch die deutschen Städte am Beispiel Oberhausen und Tübingen betrachtet:

    http://www.youtube.com/watch?v=TrHug5bHF-4

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