Weimers Woche
Lindner hat, was Röttgen fehlt: Mut

Die FDP schien schon klinisch tot. Da kommt Linder und verblüfft die politische Klasse mit einer Reanimation. Seinen CDU-Konkurrenten Röttgen lässt er ziemlich blass aussehen. Die Liberalen haben wieder eine Perspektive.
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FDP-Anhänger fühlen sich seit Monaten in etwa so wie die Fans vom 1. FC Kaiserlautern: als sichere Absteiger. FDP-Politiker wiederum wirken so Erfolg verheißend wie Frauenbeauftragte in Saudi-Arabien. Und FDP-Wähler scheinen so übriggeblieben wie Commodore-Computer. Die Krise der Liberalen ist nicht nur tiefgreifend, sie ist existenziell. Die Partei hat von Ihren Wahlversprechungen so gut wie nichts gehalten, sie ergeht sich in Machtspielen und zeigt sich umfassend pubertär. Guido Westerwelle, der einst angetreten war, die dünnteigige, nichtssagende Genscher-FDP zu einer schlagkräftigen Volksbewegung für moderne Freiheit zu machen, gab – kaum im Amt – just den Genscher, nur eben schlechter. Und Philipp Rösler wirkt immer noch wie ein Harlekin der deutschen Politik. Zu allem Überfluss formiert sich ausgerechnet jetzt mit den Piraten eine neue radikalliberale Partei, die die Parlamente im Sturmlauf nimmt. Alles wirkt final.

Doch plötzlich tritt ein Mann auf, der binnen weniger Tage Umfragen und Stimmungen zu drehen vermag. Der Spitzenkandidat der Liberalen in NRW macht Furore. Die Meinungsforscher sind verblüfft, denn dass der „Lindner-Effekt“ sogar die Umfragen der Bundes-FDP nach oben zieht, hätte keiner erwartet. Offenbar ist das politische Publikum fasziniert von diesem jungen Mann, der eines ausstrahlt, was den meisten Politikern inzwischen völlig abgeht: Mut.

Lindner vertritt mutige Position gegen den gefühlten Mainstream, so als er als einer der Ersten offen gegen staatliche Hilfen für Schlecker votierte. Er riskiert seine Karriere für seine Überzeugungen, so als er als Generalsekretär zurücktrat, um dem stümpernden Rösler nicht länger dienen zu müssen. Und er hat mutig die Spitzenkandidatur in NRW ergriffen, als sie keiner haben wollte. Bahr und Röttgen klammern sich lieber an ihre wohltemperierten Ministerdienstwagen in Berlin als sich in den eisigen Wind des Ruhrgebiets zu stellen und für ihre Meinungen zu kämpfen. Genau das aber macht den „Lindner-Effekt“ aus. Und je saturierter Röttgen seinen Wahlkampf angeht und sich aus Berlin nicht wirklich fort wagt, desto größer wird der Zulauf für Lindner. Im bürgerlichen Lager gibt es zunehmend mehr Wähler, die ohnedies keinen bürgerlichen Wahlsieg gegen Hannelore Kraft erwarten, die aber die FDP nicht untergehen sehen wollen.

Lindners High-Noon-Strategie könnte also aufgehen. Er setzt alles auf eine, seine Karte. Er verkündet, dass es in NRW um die Existenz der FDP und um die Zukunft der inkompetenten Parteiführung in Berlin. Seine Botschaft: Wählt mich, damit Rösler geht und die FDP überlebt. Christian Lindner ist so dabei ein politisches Drama erster Klasse zu inszenieren. Und jeder, der ihn wählt, bekommt das Gefühl, dieses Drama mit zu schreiben.

Er ist ein bemerkenswerter Politiker. Mit 15 Jahren trat er in die FDP ein, mit 18 kam er in den Landesvorstand der Partei, mit 21 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen. Mit 25 Jahren wurde er Generalsekretär der NRW-Liberalen, mit 31 Generalsekretär der Bundes-FDP. Kurz vor seinem 33. Geburtstag legte er das Amt spektakulär nieder, um nun noch spektakulärer das Comeback zu wagen.

Lindner wird selbst von politischen Gegern attestiert, smart und sympathisch zu sein. Er hat einen intellektuellen Zug und ist jung, was beides von Vorteil ist, wenn er sich am anstehenden FDP-Putsch in Berlin mit dem bodenständigen, erfahrenen Brüderle verbündet. Sollte Lindner als einziger im liberalen Todeskampf das Leben und den Sieg verkörpern, dann gehört ihm die Zukunft. Sein Mut-Motto ist der Rennfahrerregel entlehnt: „Schau immer auf den Ausgang der Kurve, nie auf die Leitplanke.“ Leitplankenpolitiker gibt es schon genug - und sie sehen alt gegen ihn aus.

Wolfram Weimer
Wolfram Weimer
Handelsblatt / Gastautor

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  • "Blutauffrischung", wäre gut, aber wie soll das bitte schön vor sich gehen, die Frage darf doch wohl noch erlaubt sein oder?

  • Vielen Dank @RabulaRaser, habe ich doch gerade einen neuen Begriff erhaschen können. Der trifft genau den Nagel auf den Kopf. Mich stört schon seit dem Ausspruch von Mme. Merkely, die angewandte Praxis von Systemrelevanz und Alternativlosigkeit, was im Sinne eines Ganzen bedeutet, wir haben zwar keine Ahnung, bekämpfen aber alles, wovon wir keinen blassen Schimmer haben. Die Regierung.

    Das Volk, von "Regierenden" für dumm genug gehalten, steckt in einem Teufelskreis, den sich jeder Einzelne zutrauen muß, in gewisser Weise verpflichtet fühlt, Forderungen aufzustellen, das eine Für- und Miteinander fördert und nicht torpediert.

    In diesem Sinne pflichte ich Ihnen voll bei, Menschen mit eigenen Ideen andere daran teilhaben zu lassen. Die Kunst der Weitergabe darf dennoch nicht dazu führen, daß Meinung breitgetreten, gewissermaßen unter Aufsicht verteilt wird. Das hat unsere heutige ZEIT an sich, als Fördermaßnahme regelrecht hervorgeerufen. Globalität, an der die wenigsten BürgerINnen teilhaben dürfen -VerbraucherINnen sind immer willkommen-, sind den Ausführungen von Menschen und ihrer Gegebenheiten im täglichen Leben, in einem nantürlichen Umfeld, nicht gewachsen, weil übergestülpt. Den Knoten müssen wir öffnen, bevor alle Ventile überall die Luft entweichen lassen, kontrolliert versteht sich. Ohnmächtige haben eine Chance mächtig zu werden, wenn sie es verstehen, ihren Mut an den Tag zu legen. Den gibt es jeden Morgen gratis, daran sollten wir uns erinnern und unverändert arbeiten dürfen, auch gegen den Willen einer jeglichen, übergeordneten Staatsmacht, aber zum Wohle des Volkes.

  • Die FDP muß weggeschlachtet werden. Wo ist denn der wirtschaftspolitische Sachverstand dieser Partei? Lindner hat vorgemacht, wie man ein Unternehmen nach dem anderen kaputt macht. Auch von anderen FDP (Pseudo-)
    Größen hat man in letzter Zeit nur etwas von Fahrerflucht und Plagiatorentum gehört. Wenn die Staatshaushalte immer noch in Unordnung sind, liegt das an der großen Neigung insbesondere der Besserverdienenden zur Steuerhinterziehung -die Steuergewerkschaft geht von 50 Milliarden Euro jährlich aus- und daran, dass der Staat
    in den letzten Jahren für die (Spekulations-)Eskapaden der neoliberalen Täterschichten mit FDP-Stallgeruch soviel Geld aufwenden mußte. Der uns, der Mehrheit, von den neoliberalen Täterschichten aufgepropfte Euro gehört übrigens auch zu diesen Eskapaden. Deshalb muß die FDP büssen. Ich appelliere deshalb an alle Wähler bei der nächsten Wahl die FDP samt ihres blenderischen Maulhelden Lindner auf brutalst mögliche Weise an der Wahlurne zu schlachten. Eine große Koalition ist kein Einheitsbrei sondern die optimale Balanze zwischen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Erfordernissen. Dass egoistische und rückwärtsgewandte Mövenpickler eine solche große Koalition nicht mögen, gereicht einer eventuellen großen Koalition nur zu allerhöchstem Ruhm. Es lebe die große Koalition. Tod
    der volksschädigenden FDP.

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