OECD-Studie
Wächst die Ungleichheit in Deutschland?

Mit dem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts hat sich auch die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland deutlich verschärft. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

BERLIN. Die OECD-Studie bestätigt damit zentrale Aussagen des jüngsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung. Auch dieser hatte für die Zeit bis 2005 eine erheblich gestiegene Einkommensungleichheit festgestellt und dies mit der Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht. Für die Zeit nach 2005 enthält die OECD-Studie keine neuen Ergebnisse. Sie verweist auf Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach der Trend steigender Ungleichheit 2007 vorläufig zum Stillstand gekommen ist.

Die OECD betrachtet in ihrer Untersuchung einen Zeitraum von 1985 bis 2005. Danach hat sich die Einkommensungleichheit hierzulande speziell in den Jahren ab 2000 stärker erhöht als in jedem anderen untersuchten Land. Parallel „erhöhte sich die Anzahl der Haushalte ohne jedes Erwerbseinkommen auf 19 Prozent – den höchsten Wert innerhalb der OECD“, so die Studie.

Die Ungleichheit wird dabei mit dem statistischen Maß des sogenannten Gini-Koeffizienten gemessen. Zugleich wird die relative Armut betrachtet. Sie gibt an, welcher Anteil der Bevölkerung in Haushalten mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens lebt. Im Durchschnitt stieg diese Armutsquote in Deutschland seit 1985 von sechs auf elf Prozent. Bemerkenswert dabei: Während sich der Anteil der Kinder in armen Haushalten während der 20 Jahre mehr als verdoppelte und damit auf 16 Prozent stieg, blieb der Anteil der betroffenen Rentner auf unterdurchschnittlichem Niveau stabil.

Auch dies scheint die These zu stützen, dass die bis 2005 anhaltend schlechte Entwicklung am Arbeitsmarkt ein wesentlicher Grund für die Zunahme von Armut und Ungleichheit war. Hinzu kommt ein langfristiger Trend hin zu veränderten Haushalts- und Familienstrukturen, den auch das DIW kürzlich hervorgehoben hatte: Es gibt immer mehr Alleinerziehende und Single-Haushalte.

Unterm Strich zeigt die Studie mit dem Titel „Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?“, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland zum Ende des zurückliegenden Konjukturabschwungs annähernd das Niveau des OECD-Durchschnitts erreicht hatten. Die Armutsquote stieg sogar auf etwas mehr als den Durchschnittswert von 10,6 Prozent. Ebenso wie der Armuts- und Reichtumsbericht der Regierung enthält jedoch auch die OECD-Studie noch keine Hinweise darauf, wie sich die Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt auf die Entwicklung ausgewirkt haben.

In einem stellt die OECD Deutschland trotzdem ein überraschend positives Zeugnis aus: Armut ist danach nur für relativ wenige Menschen in Deutschland ein Dauerproblem. Langzeitarmut, die mehr als drei Jahre dauert, betreffe etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung und damit etwa halb so viele wie im OECD-Durchschnitt. dc

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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