„Ohne Nachbarn geht nichts“
Gauck warnt vor antieuropäischen Parteien

Bundespräsident Joachim Gauck hält es für eine „gefährliche Entwicklung“, dass antieuropäische Parteien immer stärkeren Zulauf erhalten. AfD-Chef Bernd Lucke pflichtet ihm bei - und attackiert die „Altpartien“.
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Luxemburg/BerlinBundespräsident Joachim Gauck hat vor Pauschalkritik an Europa und einem Erstarken antieuropäischer Parteien gewarnt. Er forderte am Dienstag in Luxemburg, die junge Generation besser mit der europäischen Geschichte vertraut zu machen.

„Antieuropäische Parteien, die einen Rückzug in den Nationalstaat propagieren und zum Teil sogar die europäische Solidarität aufkündigen wollen, haben zur Zeit in manchen Ländern Zulauf“, sagte Gauck. „Das ist eine gefährliche Entwicklung.“

Der Chef der Alternative für Deutschland (AfD), Bernd Lucke, teilt die Sorge Gaucks. „Wir pflichten Bundespräsident Gauck bei, denn die AfD ist eine proeuropäische Partei“, sagte Lucke dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Die wahre Gefährdung Europas geht von den Altpartien aus, die die wirtschaftlichen Probleme Europas nicht lösen, sondern nur mit viel Geld zukleistern.“ Wie der Bundespräsident sie die AfD daher „sehr besorgt darüber, dass diese Parteien noch zu viel Zuspruch vom Wähler bekommen“.

Lucke äußerte in diesem Zusammenhang scharfe Kritik am Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Der ESM habe mit europäischer Solidarität nichts tun, sagte er. Denn das Geld bekämen die Banken, „die bankrotten Staaten Kredite gegeben haben, während die einfache Bevölkerung nichts davon hat, was ihre Lasten mildern könnten, die durch den Euro hervorgerufen wurden“.

Gauck sprach vor dem Institut Pierre Werner. Es ist benannt nach dem früheren luxemburgischen Regierungschef, der zu den Pionieren der europäischen Währungsunion gehört.

Die Nationalstaaten bleiben Gauck zufolge unverzichtbar „als Bezugspunkt von Identität ebenso wie als politische Grundeinheit der Demokratie“. Zugleich gelte aber „für große Länder ebenso wie für kleine: Ohne die Nachbarn als Freunde und Verbündete geht nichts.“

Die zunehmende Europaskepsis zeige auch: „Eine rationale Begründung reicht nicht aus, um Zweifler zu gewinnen, denn die europäische Integration ist ein kompliziertes Projekt.“

Das gemeinsame Europa sei „keine Laune der Geschichte“, sagte der Präsident. „Es ist vielmehr eine zur Institution gewordene Lehre aus der Geschichte, eine Sicherung gegen Verirrung und Verführung.“ Dieser Sinn der europäischen Einrichtungen müsse immer wieder deutlich gemacht werden: „Wir müssen das Wissen über unsere gemeinsame Geschichte an die junge Generation weitergeben, um unser Haus Europa wetterfest zu machen für die Stürme der Zukunft.“

In jedem europäischen Land werde Geschichte als die Geschichte der eigenen Nation erzählt, sagte Gauck. „Es ist so vor allem die eigene Perspektive, die uns vor Augen steht. Ich wünsche mir, dass wir noch stärker auch die Perspektiven der anderen Völker Europas kennenlernen und berücksichtigen. Ihre Leiden und ihre Träume, ihre Traumata und ihre Triumphe.“

So könne die europäische Geschichte zu einer gemeinsamen Geschichte werden. Gauck plädierte erneut für eine europäische Öffentlichkeit, in der über Grenzen hinweg Meinungen ausgetauscht werden könnten.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

Kommentare zu " „Ohne Nachbarn geht nichts“: Gauck warnt vor antieuropäischen Parteien"

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  • Wann gibt Hr. Gauck endlich seinen Deutschenhass und Christenvernichtungsfeldzug auf???? Wenn Deutsche sich weigern als Weltsozialamt auf zu treten und alle Kosten nicht zahlen wollen oder können, sind Sie noch lange nicht gegen Europa!

  • "Ohne Nachbarn geht nichts", und wenn der Nachbar ins eigene Haus "einzieht", es leerräumt und einen Saustall hinterlässt geht erst recht nichts mehr.

  • „....die junge Generation besser mit der europäischen Geschichte vertraut zu machen.“

    Oha, da werden einige europäische Staaten rote Ohren bekommen und bevor das passiert, werden sie sich vehement dagegen wehren, denn so, wie die europäische Geschichte seit fast 100 Jahren dargestellt wird, ist sie nicht, dazu gibt es in zu vielen europäischen Staaten zu viele Leichen im Keller. Bevor er solche Tips gibt, sollte er sich selbst erst einmal schlau machen.

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