Oskar Niedermayer
„Die Kernwählerschaft der SPD schrumpft immer mehr“

Obwohl die SPD nicht mehr als Arbeiterpartei gilt, setzt sie im Wahlkampf auf das Thema soziale Gerechtigkeit. Ein Fehler, meint Oskar Niedermayer. Was der SPD helfen könnte, erklärt der Parteienforscher im Interview.
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BerlinOskar Niedermayer ist Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Parteienforschung - und damit auch die Entwicklung der SPD. Dass die Sozialdemokraten ihren Nimbus als Partei der kleinen Leute verloren haben, überrascht ihn nicht. Zumal sich die SPD in der Großen Koalition sehr stark dem Unions-Profil angepasst hat. Trotzdem sieht er noch eine Minimalchance für die Partei, auf den letzten Metern zur Bundestagswahl das Ruder noch herumzureißen.

Herr Niedermayer, warum wird offenbar nicht mehr die SPD, sondern die AfD als Arbeiterpartei wahrgenommen?

Die SPD ist schon sehr lange keine Arbeiterpartei mehr und will dies auch gar nicht mehr sein. Schon mit dem Godesberger Programm der 1950er Jahre begann der ideologisch-programmatische Wandel zur Arbeitnehmer- und linken Volkspartei. Das war auch notwendig, denn die gewerkschaftlich orientierte Industriearbeiterschaft als die historisch bedingte Kernwählerschaft der SPD schrumpft immer mehr.

Trotzdem setzt die SPD im Wahlkampf auf das Thema Gerechtigkeit. Ein Fehler?

Die Partei muss zwar heute noch auf ihre Kernwählerschaft Rücksicht nehmen und daher auch die soziale Gerechtigkeit nach vorne stellen. Aber wenn nur 6 Prozent der Wähler sagen, dass es ihnen wirtschaftlich schlecht geht und für die große Mehrheit andere Fragen wie Flüchtlingspolitik oder innere Sicherheit im Vordergrund stehen, lässt sich damit allein keine Wahl gewinnen.

Es hat sich doch aber nicht nur bei der SPD-Wählerschaft etwas verändert.

Ja, das stimmt. Das gilt auch für die Union, deren historisch bedingte Kernwählerschaft – die gläubigen Katholiken – genauso geschrumpft ist und die daher mit christlich-konservativen Positionen allein auch nicht mehr weit kommt. Beide Parteien mussten daher schon länger andere Wählerschichten erschließen, um stark zu bleiben, sodass sich die sozialstrukturelle Zusammensetzung ihrer Wählerschaften daher auch angenähert hat.

Trotz ähnlicher Wählerprofile liegt die Union in Umfragen weit vor der SPD. Wie ist das zu erklären?

Das ist darauf zurückzuführen, dass alle drei wahlverhaltensrelevanten Faktoren für die Union sprechen: Es gibt zum einen deutlich mehr Leute, die längerfristig an die Union gebunden sind als an die SPD. Das bedeutet, dass die SPD die Union bei einer Bundestagswahl nur schlagen kann, wenn die beiden Kurzfristfaktoren optimal zu ihren Gunsten wirken, das heißt, wenn sie den Wählern ein optimales personelles und inhaltliches Angebot macht und die Union in beiden Bereichen schlecht aufgestellt ist.

Das scheint aber nicht der Fall.

Ja. Angela Merkel liegt in allen Indikatoren zu den Orientierungen gegenüber den Spitzenkandidaten weit vor Martin Schulz. Und die Bevölkerung misst der Union in fast allen relevanten Politikbereichen eine größere Problemlösungskompetenz zu als der SPD.

Wie kann die SPD die Wende schaffen?

Helfen könnte der SPD jetzt nur noch ein von der Bevölkerung als wichtig angesehenes Thema, bei dem sie ein Alleinstellungsmerkmal hat. Ein solches Thema kann ich aber nicht erkennen. Oder der Union unterlaufen Fehler, etwa durch ein erneutes Aufbrechen des Streits zwischen CDU und CSU, wenn sich die Flüchtlingskrise dramatisch verschärfen sollte.

Bei Willy Brandt konnte die SPD mit Person, Partei und Programm die Wähler begeistern. Heute funktioniert das aber offenkundig nicht mehr. Braucht die Partei vielleicht einen Neuanfang in der Opposition?

Franz Müntefering hat mal gesagt: „Opposition ist Mist“. Wenn es aber nach der Wahl nur die Möglichkeit einer erneuten Großen Koalition geben sollte, würde wohl ein großer Teil der SPD-Basis die Opposition doch vorziehen.

Herr Niedermayer, vielen Dank für das Gespräch.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

Kommentare zu " Oskar Niedermayer: „Die Kernwählerschaft der SPD schrumpft immer mehr“"

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  • Eines kam im Artikel nebenher zur Sprache, was ich ganz akut sehe.
    Es gibt aus meiner Sicht nicht mehr die klassische Verteilung von links und rechts und Mitte.
    Die Linksaussen und Rechtsaussen mögen noch so zuordenbar sein. Aber alles andere hat sich bewegt. Und das kommt aus der Gesellschaft und Globalisierung. Die Parteien haben sich, wohl mehr unterbewusst, daran angepasst. Allerdings fand bisher keine Selbstfindung statt, in der man reflektiert und sich selbst nach Außen neu definiert hätte. Daher kommen ja die Wahrnehmungen, dass eine CDU nach links gerutscht ist und die SPD von links wegdriftet. Das sind einfach alte Denkmuster und Macron in Frankreich hat das auch gezeigt.
    Man muss mittlerweile Lösungen für die echten Probleme anbieten. Dann ist es egal, welchem Spektrum man theoretisch zugerechnet wird. In einigen Themen muss man halt mehr links denken, um zu positiven Veränderungen zu kommen, in anderen mehr rechts. Das ist auch ein Grund warum die AFD nicht wirklich hochkommt. Würde man eine von solchen konventionen befreite und lösungsorientierte Partei gründen, hätte man richtig Potenzial a la Frakreich. Vielleicht nur nicht so schnell.

  • Die SPD will immer mehr von dem, was doch offensichtlich nicht funktioniert (hat).
    Zudem ist die CDU inzwischen linker und sozialistischer als die SPD und wer sich mit Merkel ins Bett legt sollte wissen, dass er als Bettvorleger endet. Frag nach bei der FDP.

  • Den Artikel finde ich echt lustig! Und Respekt Herr Neuerer, der ist Ihnen bestimmt nicht leicht gefallen!

    Aber er bringt es so ein wenig auf den Punkt! Man sieht es auch an den Kommentaren hier. Die SPD denkt sie wäre Arbeiter-Partei und für die kleinen Leut. Das ist praktisch Ihre komplette Folklore, und real merkt sie, dass die kleinen Leut da nicht mitgehen. Voller Angst versucht sie das zu ignorieren, die diskussion darüber zu verhindern und immer noch mehr in eine Rolle der moralischen Überlegenheit in der politischen Wahrnehmung zu kommen. Und wird dabei immer elitärer und arroganter...

    Es ist doch so... es gibt die mehr oder weniger traditionelle linke kleinen Leute... das sind heute ein paar Sozialwissenschaftler die Taxi fahren... und darauf warten, dass irgendwann der Staat kommt und ihnen den Platz in der Gesellschaft gibt, der ihnen aufgrund ihres Intellekts zusteht (ich glaube ja, den haben sie schon). Die tendieren aber eben auch sehr zur Linkspartei.

    Dann gibt es die anderen, die klassischen Malocher, die haben verstanden, dass sie den Karren ziehen sollen und andere sehr viel besser davon leben (als sie selbst), dass sie ihnen helfen. Die haben oft genug erfahren, dass bei Ihnen nie was von den Versprechungen hängen bleibt. Ausserdem werden sie nur zur Wahl umsorgt, sobald eine kleine Gruppe mit Partikularinteressen kommt, die besser in den Medien präsent ist, dann wird ganz schnell umverteilt und der Malocher soll in zukünftigen sozialen Frieden investieren. Beispiel: Seit 15 Jahren rackert der Kleinbürger daran, einen nicht verschuldeten Staat zu haben, die Währung zu stabilisieren, Europa zu stabilisieren, etc. Dafür kriegt er nichts... aber kaum kommen vielleicht ein paar Hunderttausende Analphabeten ins Land, die ja vielleicht mal links wählen, sind das die Fachkräfte und für die muss investiert werden... Ist doch klar warum die nicht mehr SPD wählen!

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