Pannen-Gewehr G36
Von der Leyen prüft Forderungen gegen Heckler & Koch

Wegen der Präzisionsprobleme des Gewehrs G36 erwägt das Verteidigungsministerium Schadensersatzansprüche gegen Heckler & Koch. Das hatte von der Leyen zuerst dementiert. Für die Ministerin kann es jetzt heikel werden.
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DüsseldorfIn der Affäre um das Standard-Sturmgewehr G36 der Bundeswehr prüft das Verteidigungsministerium nun doch etwaige Schadensersatzansprüche. Das teilte Ministeriumssprecher Jens Flosdorff am Freitag mit.Vorausgegangen war der Mitteilung die Veröffentlichung eines Gutachten von Experten des Ernst-Mach-Instituts, des Bundesrechnungshofs und des Instituts für Werk- und Betriebsstoffe.

Das G36 des Oberndorfer Herstellers Heckler & Koch steht schon seit längerer Zeit im Verdacht, bei hohen Außentemperaturen sowie nach intensivem Schnellfeuer ungenau zu werden. Heckler & Koch bezeichnete die Vorwürfe in einer Pressemitteilung als „inszenierte Kampagne“ und „Rufschädigung“.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat am Donnerstag zwei weitere Kommissionen mit der Aufklärung der Affäre beauftragt: Eine Expertengruppe unter Leitung des Grünen-Politikers Winfried Nachtwei soll bis zum Oktober prüfen, ob Soldaten im Einsatz durch Präzisionsprobleme bei dem Gewehr gefährdet worden sind. Eine weitere Kommission unter Leitung des Commerzbank-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus-Peter Müller, die nach Schwachstellen in der Organisationsstruktur des Ministeriums und der Bundeswehr suchen wird, soll ihre Arbeit im November abschließen.

Inhalte des neuen Gutachtens, den das Ministerium heute erhalten hat, wurden bisher nicht öffentlich. Nach bisherigem Kenntnisstand sehe es so aus, „dass es wahrscheinlich keinen Schadensersatzanspruch gibt“, sagte Ministeriumssprecher Flosdorff am Freitag der dpa. Sollten jedoch Soldaten durch die Probleme der Waffe zu Schaden gekommen sein, seien Schadensersatzansprüche von einzelnen Soldaten allerdings denkbar. Noch in der vergangenen Woche dementierte das Verteidigungsministerium, überhaupt Schadensersatzansprüche zu prüfen.

Derzeit befinden sich nach Angaben des Verteidigungsministeriums noch 167.000 Exemplare des G36 im Einsatz. In einer Pressemitteilung erklärte von der Leyen zuvor, es müsse geklärt werden, was die Erkenntnisse mittelfristig für die Truppe bedeuteten – also „ob und inwieweit ein neues und anderes Gewehr angeschafft werden muss.“

Für die Ministerin könnte es nun heikel werden: Nach Angaben der Grünen sollen trotz mehrerer Hinweise auf die Probleme des G36 seit 2013 – also während der Amtszeit von der Leyens – noch 18 Millionen Euro für die Anschaffung von 3370 neuen Gewehren des Modells eingeplant worden sein.

Das G36 gehört seit 1996 zur Standardausrüstung der Bundeswehr. Das Gewehr besteht zu einem großen Teil aus Kunststoff, was es mit einem Gewicht von dreieinhalb Kilogramm zwar leicht macht, aber offenbar auch anfällig.

Kevin Knitterscheidt
Kevin Knitterscheidt
Handelsblatt / Volontär

Kommentare zu " Pannen-Gewehr G36: Von der Leyen prüft Forderungen gegen Heckler & Koch"

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  • Alleine schon aufgrund der hohen Kosten, ist es Aufgabe des Verteidigungsministeriums jedwede Möglichkeit einer Schadenersatzforderung zu prüfen und mit allen Mitteln durchzusetzen.

    Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Waffenlobby eine Option finden wird, Schadenersatzansprüche bei Kamingesprächen auszuräumen.

    Warum es nun für Frau v. d. Leyen unangenehm werden soll, erschließt sich einem bei Kenntnis aller bisherigen Pannen, die die letzten drei Verteidigungsminister bei wesentlich höheren Summe zu verantworten haben, nicht. Politiker lassen schon aus Eigeninteresse, Schadenersatzforderungen aussen vor. Anderenfalls könnten sie sonst am Ende Ihrer Karriere vielleicht bestenfalls einen Job bei der Müllabfuhr bekommen. So allerdings gilt "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!"

    Frau v.d. Leyen hat somit die Chance Neuland zu betreten und H&K ordentlich zur Kasse zu bitten. Ebenso sollte ein Ausschlussverfahren von H&K für künftige Ausschreibungen geprüft werden. Vielleicht liegen sogar Betrugs- oder Täuschungsabsichten vor, die damals zu dem Vertragsabschluss und letztlich Erwerb des G36 durch die BW geführt haben?

  • Ueber 5.300 € pro Gewehr. Man kanns nicht glauben..

  • Also 18 Mio. EUR für die Anschaffung von 3.370 neuen Gewehren!?
    Das macht dann 5.340 EUR pro Waffe. Das ist bei den Stückzahlen schon Grund genug im Beschaffungsamt ein paar Köpfe rollen zu lassen. H &K kommt bei den Erlösen doch vor Lachen nicht in den Schlaf! Die Knarre darf nicht mehr als die Hälfte kosten. Wenn überhaupt!

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