Peer Steinbrück
Der Austeiler

Peer Steinbrück liebt die kontrollierte Provokation. Wie ein Boxer sucht der SPD-Finanzminister immer wieder den Showdown. Seine Partei achtet den Unbequemen, lieben tut sie ihn nicht. Und dass er 2009 Angela Merkel besiegen könnte, das glaubt Steinbrück ohnehin nicht.

BERLIN. Im Bundeskabinett am Morgen war die Welt für Peer Steinbrück noch in bester Ordnung. Niemand brachte den Haushaltsstreit, den der sozialdemokratische Finanzminister in der vergangenen Woche vom Zaun gebrochen hatte, zur Sprache. Nicht Wirtschaftsminister Michael Glos von der CSU, und Forschungsministerin Annette Schavan, CDU, weilte praktischerweise in China. Stattdessen Regierungsroutine: Union und SPD beschlossen reibungslos das Gendiagnostikgesetz. Und kurz danach verließen die Minister auch schon wieder das Kanzleramt.

Ungemütlich wurde es für Peer Steinbrück erst bei der anschließenden – und parteiinternen – Lagebesprechung im Auswärtigen Amt. Heftig beschwert hätten sich die sozialdemokratischen Kabinettskollegen über seine Attacke, erzählt der Finanzminister in kleiner Runde.

Doch Peer Steinbrück nimmt solche Schelte gelassen. Denn er fühlt sich kein bisschen im Unrecht. Entsprechend selbstbewusst kontert er die Angriffe von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee – mit dem schlichten Hinweis, dass man Ursache und Wirkung der Debatte nicht vertauschen dürfe. Mehrere Ministerien hätten sich an die Vorgaben der mittelfristigen Finanzplanung nicht gehalten, deshalb hätte er einmal auf den Tisch hauen müssen. Rums.

Steinbrück spielt wieder seine Lieblingsrolle, die des Austeilers. Dahinter steckt nicht nur das Kalkül, Begehrlichkeiten der Kabinettskollegen im Keim zu ersticken. Der Hanseate liebt die kontrollierte Provokation. Mindestens einmal im Jahr sucht Steinbrück den öffentlichen Showdown. Er braucht das. Die politische Bühne ist sein Boxring, in dem er regelmäßig, gezielt und mitunter heftig Schläge verteilt. Als Finanzminister darf man kein Glaskinn haben, hat er selbst einmal gesagt.

In seiner SPD macht sich Steinbrück mit seinen Auftritten als politischer Kick-Boxer nicht gerade beliebt. Beispielsweise, wenn der stellvertretende Parteivorsitzende die Bundesbürger launig auffordert, auf Urlaubstage zu verzichten und besser für die Rente zu sparen. Auch die Beschimpfung von Kritikern der Agenda-2010-Reformen als „Heulsusen“ ist so ein verbaler Kinnhaken.

Für einen Politiker sagt Peer Steinbrück ziemlich oft ziemlich öffentlich, was er gerade denkt. Umgekehrt hat er kaum mehr als Verachtung für angepasste Zeitgenossen übrig, die sich intellektuell mit ihm nicht messen können. Selbst im Kabinett fällt es Steinbrück zuweilen schwer, seine ökonomische Überlegenheit nicht zu offen gegenüber den Kabinettskollegen zum Ausdruck zu bringen, berichten Teilnehmer. So überrascht es auch nicht, dass der Finanzminister kaum mehr als eine Handvoll Vertrauter in seinem Ministerium um sich schart, mit denen er die großen Züge der Finanzpolitik bespricht.

Aus diesem kleinen Team in Steinbrücks Ringecke stammt auch die Idee, blaue Briefe an gierige Ministerkollegen zu verschicken. Dabei trieb den Finanzminister die Angst, dass milliardenschwere Ausgabenwünsche zusammen mit der sich eintrübenden Weltkonjunktur das Ziel der Großen Koalition gefährden, spätestens 2011 einen schuldenfreien Haushalt vorzulegen.

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