Piratenpartei
Der Kampf gegen das Verschwinden

Sie waren einst die Politstars für Digitalisierung und Partizipation. Nun kämpfen die letzten Piraten um ihre politische Zukunft in deutschen Landtagen. Dabei wissen sie: Das Ende ihrer Geschichte ist schon geschrieben.
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Düsseldorf/BielefeldMichele Marsching sitzt an seinem Schreibtisch, schlägt die schwarze Mappe vor sich auf und ärgert sich. Der Fraktionsvorsitzende der Piratenpartei im nordrhein-westfälischen Landtag hält eine Einladung eines Industrieverbandes in den Händen: Eine Podiumsdiskussion zur kommenden Landtagswahl am 14. Mai, gerichtet an alle Fraktionsvorsitzenden. Nur: Auf dem Podium sind ausschließlich SPD, CDU und die Grünen angekündigt. Das passiert in letzter Zeit häufig: Es wird so getan, als gebe es die Piraten nicht mehr. Marsching klebt einen gelben Post-It auf die Einladung. „Nachhaken“, schreibt er darauf.

Dabei gab es Jahre, in denen saßen die Piraten auf sämtlichen Polit-Podien. Da überschlug sich die mediale Berichterstattung, in den Umfragen kletterten die Werte zuweilen über die 10-Prozent-Marke. Die Grünen der Internetgeneration sah man in ihnen, eine weitere Partei im politischen Spektrum. Nachdem die Piraten 2011 bei der Berlin-Wahl immerhin 8,9 Prozent holten, schienen sie sich etablieren. Im darauffolgenden Jahr zogen sie in den saarländischen Landtag ein, anschließend auch in die von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Die sechs Jahre alte Partei zählte mittlerweile 34.000 Mitglieder.

Doch dann: Parteiinterne Streitereien, Antisemitismus-Vorwürfe, bekannte Parteigesichter schmeißen hin, auch in der Presse taucht die Piratenpartei immer seltener auf. Bei der niedersächsischen Landtagswahl 2013 scheitern die Piraten wieder an der Fünf-Prozent-Hürde. Es ist der erste Dominostein, der nach und nach alles zum Fallen bringt. Seit drei Jahren schon wird die Piratenpartei nicht mehr separat in den großen Wahlumfragen von Forsa, Emnid & Co. ausgewiesen – sie ist in der Sparte „Sonstige“ untergegangen. Doch noch, glaubt Marsching, sei das Ende der Geschichte seiner Partei abzuwenden.

Es ist der 4. März 2017, noch mehr als zwei Monate bis zur Landtagswahl. Marsching fährt zum Landesparteitag im Historischen Saal der Volkshochschule in Bielefeld. Dritter Stock, auf dem Weg nirgendwo ein Schild, dass hier eine Veranstaltung stattfindet, nirgendwo ein Hinweis, dass es die Piraten noch gibt. Für 200 Personen ist der Saal zugelassen, rund 100 werden kommen. Zum Landesparteitag im Hype-Jahr 2012 in Münster waren 500 Piraten gekommen. Wer jetzt noch Pirat ist, ist Idealist.

Die Piraten von heute tragen noch immer verwaschene T-Shirts, zottelige Bärte, man sieht Männerhaare zum Zopf gebunden. Laptops auf den Tischen, daneben Frühstück. Die für die Presse reservierten Plätze sind nahezu leer, neben dem Handelsblatt ist auch der „Spiegel“ da. Um 10 Uhr soll der Parteitag beginnen, um 10 Uhr 20 ist es immer noch nicht losgegangen, der Stream läuft nicht.

Erst um kurz vor halb 11 schwört der Landesvorsitzende Dennis Deutschkämer die Anhänger auf den Wahlkampf ein. Mit nur 28 Jahren steht der Fachinformatiker an der Spitze des mitgliederstärksten Landesverbandes, seit 2013 ist er Mitglied, seit drei Monaten im Amt. Normalerweise gehören NRW-Chefs zu den mächtigsten Figuren einer Partei, ihre Gesichter sind die bekanntesten Deutschlands. Hannelore Kraft, Armin Laschet, Christian Lindner – das sind die Dennis Deutschkämers der anderen Parteien. Über Deutschkämer hat noch nie ein Journalist einer überregionalen Zeitung berichtet.

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