Polit-Talk als Dauerwerbesendung
Schmidts Steinbrück-Show zeigt Jauch die Grenzen auf

Im Streichelzoo von Günther Jauch haben die Gäste nichts zu befürchten. Auch die zwei Polit-Schwergewichte Schmidt und Steinbrück durften ihre PR loswerden. Ein neuer Tiefpunkt Jauch’scher Interview-Kunst.
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BerlinEs war talkshow-strategisch keine gute Idee von Günther Jauch, seine Sendung mit dem Gästeduo Helmut Schmidt und Per Steinbrück mit der Bitte an den Altkanzler zu beginnen, doch mal die Euro-Schulden- und Banken-Krise mit früheren Krisen in seinem 92-jährigen Leben zu vergleichen.

Denn natürlich ist die gegenwärtige Krise weniger schlimm als es Erster und Zweiter Weltkrieg oder Nationalsozialismus waren. Und fortan sprang das gestrige Dreiergespräch immer wieder zwischen unterschiedlichen Vergangenheiten hin und her, von der Regierung Brüning in der Weimarer Republik, "der Zeit von Adolf Nazi" (eine Schmidt-Formulierung, die Steinbrück gerne übernahm), derjenigen Konrad Adenauers sowie den Bundesregierungen Schmidts selber seiner Vorgänger und Nachfolger. Schon damit war jene Aktualität aus der Sendung genommen, die der marktschreierische Titel "Klartext in der Krise" behaupten wollte und Jauch mit seiner Eingangs-Bemerkung, dass derzeit "Regierende und Regierte vor sich hintaumeln" zu stützen versuchte.

Mit Bemerkungen wie "nicht jede Schuldenaufnahme ist im Prinzip von Übel" und der Bitte, auch beim Thema Inflationsraten "die Kirche im Dorf" zu lassen, nahm Schmidt gekonnt weitere Brisanz aus dem Gespräch, das aber nicht nur wegen des Altkanzlers Alter sehr bedächtig verlief. Sondern auch, weil sich Jauch in seinem Frageduktus Schmidts Rhythmus anpasste. Steinbrück wirkte im Vergleich zu beiden dynamisch, gab aber ebenfalls vor allem Allerwelts-Aussagen wie die, dass die Krise noch "weiter eskalieren könnte", sowie tausendmal gehörte Talkshow- und Wahlkampf-Versatzstücke (die Forderung, "den Menschen zu erklären, warum Europa für Deutschland so wichtig ist") zum Besten. Der Ex-Finanzminister, den Schmidt als nächsten Kanzlerkandidaten der SPD vorschlägt, präsentierte sich bereits entsprechend staatsmännisch, ohne dabei auf Hindernisse zu stoßen.

Zwar wurde (anders als bei Maybrit Illner am Donnerstag zuvor) der Einspielfilm, der aus heutiger Sicht klare Fehler der rot-grünen Regierung 2002 antippt, nicht erst am Ende gezeigt. Doch gewundene, nicht weiter hinterfragte Erklärungen wie die, dass die Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion sicher "aus heutiger Sicht falsch" war, dass aber damals ja alle dafür gewesen seien, und preiswerte Selbstkritik à la "Wir haben uns dem Zeitgeist auch zu stark gebeugt" reichten Steinbrück, solche Kritik abzubügeln. Dass Nachhaken und das Herauskitzeln spektakulärer Aussagen nicht zu Günther Jauchs Stärken zählen, war die nachdrücklichste Erkenntnis der gestrigen Talkshow.

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Steinbrück wurde nicht gefordert

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  • Ist das der Marshallplan, die ungebremste Geldschöpfung durch in Kredite gehebelte Sicherheiten? Der neue Chef-Volkswirt der EZB, Herr Asmussen, fährt genau diese Strategie und Schmidt/Steinbrück klatschen Beifall und fallen gleichzeitig über die Investmentbanker her. Geht´s noch Herr Steinbrück? Welche Erzählung wollen Sie uns da einflüstern?

    Der Überbordende Staatsapparat der Griechen & Co. soll also in den Büchern der (privaten) Banken mit frischem (Kredithebel-)Kapital verrechnet werden, um die Abschreibungen zu vertuschen und die Ratings hochzuhalten.

    Davon, dass Investitionen aus Erspartem finanziert werden sollten, ist nicht mehr die Rede meine Herren Volkswirte und Wirtschaftspolitiker?

    Aber wenn man keine Strategie hat für eine Kanzlerschaft braucht es auch keine Investitionen. Es gab keine Anfrage des Kandidaten Steinbrück im Bundestag zu den geplanten Investitionen und Anreizen für die Wirtschaft in Deutschland. Wie sollen die Reallöhne steigen und echte Arbeitsplätze geschaffen werden??? Oder haben Sie Deutschland als künftigen Standort schon abgeschrieben? Dann sollten wir schleunigst eine ICE-Strecke nach Tianjin bauen, damit in 50 Jahren die ersten deutschen Gastarbeiter ihr Jubiläum feiern können.

    Eine EURO-Rettung und die folgende tiefere Integration ist sicher sinnvoll und notwendig - aus ökonomischen und politischen Gründen. Aber wo sind die Grenzen? Und es bleibt der Eindruck, dass Herr Schmidt als bad Guy den Sachverstand gibt und dadurch der künftige Inflationskanzler seine weiße Weste behalten soll.

  • @ Dieter, welchen Sachverstand meinen Sie? Es wird in dem Spiel Schmidt / Steinbrück über viel Sachverstand geredet aber ich habe den Eindruck, Herr Schmidt hat ihn und Herr Steinbrück profitiert davon. Das wissen die beiden natürlich. Schmidt weiss wahrscheinlich auch, dass es beim Genossen Steinbrück mit dem Sachverstand doch nicht so weit her ist. Aber er spielt gern den bad Guy, trommelt auf die Banker ein und läßt Steinbrück glänzen. Was Schmidt ahnt ist, dass Steinbrück von den Schirm- und Hebelinstrumenten kaum etwas versteht und eher der Bundeshaushälter ist, wie er 2008/09 bewiesen hatte und Asmussen der Kapitalmarktspezialist war.
    Aber reicht das nun zum Kanzler(kandidaten), nur weil die SPD niemand besseres auf dem Finanzfeld zu bieten hat?

    Die Strategie über die Griechenland-EURO-Krise hinaus ist nicht erkennbar. Dass wir alle die Zeche zahlen sollen wissen wir längst. Die Reallöhne sinken schon lange. Wird das besser wenn wir alles BSP in die Defizitstaaten umverteilen? Wo sind die Leitplanken? Der 2. Weltkrieg war schlimmer, skandiert der eine, meint der andere, dass deshalb eine Billionenverschuldung und damit die drohende Inflation = Preissteigerung = Geldwentwertung in Kauf genommen werden soll? Und bis an welche Grenze? Warum sitzt ein künftiger möglicher Kanzlerkandidat ruhig auf seinem Stuhl oder im Parlament wenn er die Summe von 1000000000000 EUR als Garantie für die derzeitige EU-Krisenherde hört, die bisherigen Schulden nicht mitgerechnet.

  • Wie kommt es, dass ein bereits seit Jahren aus der Politik ausgestiegener die Rankinglisten der beliebtesten Politiker souverain anführt. Es kommt daher, weil dieser Herr Schmidt, der auch oft als pragmatisch und arrogant bezeichnet wurde, einfach eine Lichtgestalt der deutschen Nachkriegspolitik verkörpert, die sich alle Parteien gern in ihr Team geholt hätten. Noch heute hat sein Wort erhebliches Gewicht und wird in der politischen Landschaft entsprechend beachtet. Herr Schmidt redet besonnen, vermeidet persönliche Angriffe und wertet nach rationalen Gesichtspunkten, ohne dabei Selbstkritik zu scheuen, da er weiß, dass das bei den Menschen gut ankommt. Er produziert keine Worthülsen, sondert füllt seine Sätze mit verständlichem und fachlichem Inhalt. Dem meist souveränen, viel gelobten Herrn Jauch, der seinen Quiz-Kandidaten gelegentlich mit einer gewissen Arroganz gegenüber tritt, wurden von Herrn Schmidt deshalb seine Grenzen aufgezeigt, weil er trotz heftiger Versuche am weißen Lack des Altkanzlers zu kratzen, an den schelmisch agierenden Altkanzler immer wieder den Applaus seines Publikums abtreten musste. Annerkennung gilt auch dem für sein Alter enormen Gedächtnis und die Disziplin mit der er seine Linie verfolgt. Dass er Herrn Steinbrück in der existenziellen Krise Europas für den geeigneten Kandidaten hält, liegt in der Natur der Tatsache, dass in Zukunft Politik nicht mehr nach Sympathie-Werten, sondern nach Sachverstand bewertet werden sollte. Von daher gesehen erscheint sein Vorschlag sinnvoll.

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