Politik-Rentner Fischer legt sich ins Zeug
„Koch muss abgewählt werden“

Natürlich kann er es noch. Schon nach wenigen Minuten toben am Montagabend die rund 1000 Grünen-Anhänger im Kurhaus von Wiesbaden. Joschka Fischer ist zurück auf der politischen Bühne - wenn auch nur für einen Tag im hessischen Wahlkampf. Seine Mission: die Abwahl Roland Kochs.

WIESBADEN. Joschka Fischer ist in die Niederung des Wahlkampfs zurückgekehrt, um den populistischen Hessen Roland Koch des Platzes zu verweisen: "Wenn ein Regierungschef, der merkt, dass die Flut steigt, offen auf Ausländerfeindlichkeit setzt, ist das nicht nur unanständig, dann muss er abgewählt werden", krächzt Fischer in den edlen Saal des Wiesbadener Kurhauses. Die vor Blattgold und Edelholz strotzende Kulisse passt zum Stück, das Fischer aufführt: Der erfahrene Staatsmann lässt sich herab, dem ungehörigen ausländerfeindlichen Provinzpolitiker, dem "Duodez-Fürsten" mit dem beschränkten Horizont, den Abgang zu empfehlen.

Mehrfach hatte Joschka Fischer gesagt, er werde sich nicht mehr einmischen. Doch dann hat er sich "so sehr über Koch geärgert", erzählt sein alter Wegbegleiter, der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, dass er dem hessischen Spitzenkandidaten Tarek Al-Wazir "spontan seine Hilfe anbot". Das sei noch vor dem Tag gewesen, als die Grünen in den Umfragen auf sieben Prozent rutschten, schwören sie hinter den Kulissen.

Die Lage der Grünen in Fischers politischer Heimat, wo Rot-Grün 1985 das erste Mal überhaupt in einem Land an die Macht kam, ist verzwickt: Vor kurzem haben SPD und Grüne das Tandem CDU und FDP fast eingeholt - Rot-Grün ist am Horizont der Möglichkeiten aufgetaucht. Allerdings nur, wenn die Linke es nicht in den Landtag schafft. Deshalb soll Fischers Auftritt an diesem regnerischen Abend in Wiesbaden vor allem eins bringen: "Einen Mobilisierungsschub für die eigenen Leute", sagt die hessische Bundestagsabgeordnete Priska Hinz.

Und so warnt der alte Taktiker, der seine Partei in jahrelangen kräftezehrenden Kämpfen nicht nur in die Bundesregierung, sondern bis zur Entsendung der Bundeswehr nach Ex-Jugoslawien und Afghanistan brachte, vor dem "Übertaktieren", was vor Wochen noch sinnvoll schien. Keinesfalls dürfe man nun die Linke wählen, denn das rette - unter den veränderten Umständen - nur Koch das Amt als Ministerpräsidenten einer Großen Koalition, beschwört er sie mit sorgenvoll zerfurchter Stirn.

Er erinnert an das Hessen "meiner Generation - ein Vorbild an Modernität und Liberalität" - und lässt offen, ob er dabei den Straßenkampf, die Frankfurter Schule oder die erste rot-grüne Koalition meint. Und er fragt empört, "woher nehmen diese Leute (Koch und Co.) eigentlich die Stirn, Vorbild für die Jugend zu sein?" Die hessische CDU habe doch sogar den Parteispendenskandal - in dem sie schwarze Kassen als jüdische Vermächtnisse ausgaben - explizit damit gerechtfertigt, sie müssten "kampagnefähig gegen die Linken sein", erinnert Fischer. Und er findet den Bogen zur Gegenwart, wo die CDU-Plakate "Gegen den Linksblock - Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten" propagieren. Hätten die Spitzenleute von SPD und Grünen harmlose deutsche Namen, gäbe es das unterschwellig ausländerfeindliche Plakat wohl nicht, empören sich Al-Wazir und Fischer.

In der Energiepolitik spart sich Fischer die Inbrunst des Anti-AKW-Kämpfers, zelebriert den Außenminister und den Ökonomen: Nach dem 11. September seien Kernkraftwerke nicht mehr verantwortbar, knirscht er. Und im Übrigen sollte man doch "den Markt entscheiden lassen". "Wenn Rückversicherer das Risiko tragen müssten, wären die AKWs schneller abgeschafft, als wir das politisch schaffen können."

Penetrante Fragen der Journalisten, ob die Rückkehr des Joschka Fischer nun ein Comeback einleite, weist der genervte Cohn-Bendit als blödsinnig zurück: "Das ist genauso wahrscheinlich, wie dass ich Nationaltrainer der französischen Fußballelf werde."

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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