Politische Gefangene in der DDR
Honeckers Menschenhandel

Eines der lukrativsten Exportgüter der DDR waren ihre politischen Gefangenen. Zwischen 1963 und 1990 zahlte die Bundesrepublik mehr als 3,44 Milliarden Mark, um 31 755 politische Gefangene und 2 000 Kinder ausgereister DDR-Bürger freizukaufen. Doch was hat Erich Honeckers Regime mit dem Geld eigentlich gemacht?

DÜSSELDORF. Südfrüchte und andere begehrte Konsumgüter besorgte die Ost-Berliner Regierung ihren Bürgern nur selten von dem Lösegeld, wie der Historiker Matthias Judt in seinem Aufsatz „Häftlinge für Bananen? Der Freikauf politischer Gefangener aus der DDR und das ,Honecker-Konto’“ in der aktuellen „Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ darlegt. Dabei war genau dies der ursprüngliche Zweck des 1974 von Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski eingerichteten „Generalsekretärskontos“. Schalcks bis heute aufrechterhaltene Behauptungen über das Devisenkonto nennt Judt eine „Legende“. Ein Teil der Einnahmen landete sogar auf einem Stasi-Konto.

Abgewickelt wurden die seit 1963 begonnenen Häftlings-Freikäufe (genannt „Sondergeschäft“) übrigens durch die beiden Kirchen. Die Bundesregierung lieferte stets Waren, die dann von der DDR umgehend am internationalen Markt gegen Devisen weiterverkauft wurden.

Fast 77 Prozent des angehäuften Guthabens nutzte das DDR-Finanzministerium für seine immer negativer werdende internationale Zahlungsbilanz als „Feuerwehrfonds“. In den 80er-Jahren wurde daraus immer stärker eine volkswirtschaftliche Flickschusterei: Ost-Berlin kaufte mit dem Lösegeld Kohle, Baumwolle, Kartoffeln, Schweinefutter und Metall im Westen. Auf Befehl aus Moskau musste Honecker sogar den Regierungen in Polen und Nikaragua Devisen schenken.

Nur 26,1 Prozent der Guthaben wurden – vor allem vor 1981 – für Konsumgüterimporte aus dem Westen verwendet. „Festtagsimporte“ nannte das die Staatsführung. Dann gab es zu Weihnachten auch mal Bananen oder Salamander-Schuhe zu kaufen.

Eine politische Analyse – ob etwa eine moralisch vertretbare Alternative zum Freikauf für die Bundesregierung bestanden hätte – enthält Judts Aufsatz leider nicht, die überlässt er dem Leser. So viel wird aber klar: Das Freikaufen half, die DDR finanziell länger am Leben zu halten. Gerade durch den Kreditboykott des Westens ab 1983 war die DDR in Zahlungsnot.

Allein deswegen musste das DDR-Regime zumindest mittelfristig ein Interesse daran haben, dass es stets reichlich politische Gefangene „zu verkaufen“ gab. Der politische Widerstand der eigenen Bürger wurde also zur unverzichtbaren Einnahmequelle für die von West-Importen abhängige DDR-Wirtschaft.

Doch das eingenommene Geld wurde nicht verwendet, um zumindest einen der Gründe für den Unwillen der DDR-Bevölkerung – die schlechte Versorgungslage – zu bessern. Es konnte nicht langfristig zur Sicherung des Systems angelegt werden, weil dann die DDR möglicherweise bald international zahlungsunfähig gewesen wäre. Die SED-Politiker nannten dieses Dilemma euphemistisch das „offene Bargeldproblem“. Ökonomisch war die DDR also längst dem Untergang geweiht.

Erstaunlich ist für den heutigen Beobachter nicht nur der Zynismus des Menschenhandels des „Arbeiter- und Bauernstaates“, sondern auch die offensichtliche Blindheit der westdeutschen Regierungen in den 70er- und 80er-Jahren. Wenn ein Staat seine eigenen Bürger verkaufen muss, um mit den Erlösen beim weltanschaulichen Gegner die nötigsten Rohstoffe zu kaufen, dann ist er offensichtlich in keiner guten Verhandlungsposition. Die Bundesregierung scheint das nicht bemerkt zu haben.

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