Prämien fließen selten
Krankenkassen rüsten sich lieber für Krisen

Regierung und Aufsicht drängen die Krankenkassen, die Versicherten mit Prämien zu beglücken. Viele können das nicht, und einige wenige spielen auf Zeit. Denn ab 2013 könnte das Geld schon wieder knapp werden.
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DüsseldorfIm Gesundheitsfonds ist derzeit genug Geld. Für das vergangene Jahr rechnen Schätzer mit Überschüssen, auch im laufenden Jahr dürften die Einnahmen die Ausgaben mindestens decken. Das weckt Begehrlichkeiten in Berlin. Mit Blick auf die nächsten Wahlkämpfe drängen Politiker aus FDP und CDU, dass die Krankenkassen Überschüsse in Form von Prämien an ihre Versicherten zurückgeben. Denn nur wenige der rund 150 Krankenkassen tun das bisher.

Im Fokus steht derzeit vor allem die Techniker Krankenkasse (TK), die acht Millionen Menschen versichert und damit die zweitgrößte Krankenkasse im Lande ist. Die zuständige Aufsicht, das Bundesversicherungsamt (BVA), hat die TK sowie zwei kleinere Kassen, die Hanseatische Krankenkasse (HEK) und die IKK Gesund plus, schriftlich aufgefordert, darüber nachzudenken. Schließlich hätten die drei unerwartet viel Finanzvermögen aufgebaut.

Die im Sozialgesetz festgelegte Höhe der Rücklagen von 1,5 Monatsausgaben werde bei allen drei Kassen „deutlich“ übertroffen, lautet das Argument. Nach einem Bericht der FAZ erwarten die Aufseher, dass die drei Kassen mindestens 5 Euro im Monat oder 60 Euro im Jahr ausschütten. Das würde für die insgesamt knapp 6,3 Millionen Kassenmitglieder der drei Institute einen Geldsegen von mehr als 360 Millionen Euro bedeuten.

Die Krankenkassen sind jedoch alles andere als begeistert von der Idee. Die Ausgaben für Krankenhäuser, Medikamente und Arzthonorare würden steigen, stellte der Spitzenverband in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) fest. Gleichzeitig kündige die Regierung an, den Bundeszuschuss zu kürzen. Da habe er für die Prämien-Zurückhaltung der Krankenkassen großes Verständnis, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes.

Bei den gesetzlichen Krankenkassen gibt es, anders als in der privaten Krankenversicherung, keine Gewinnausschüttungen für Aktionäre. Deshalb sei jeder Euro, der heute als Überschuss bei den gesetzlichen Kassen liegt, in der Zukunft für die Versorgung der Versicherten da, sagte Lanz.

Die drei angeschriebenen Krankenkassen brüten nun darüber, wie sie mit der Bitte der Aufsicht umgehen. Zahlen sie etwas Geld aus und gönnen der Politik den Sieg? Oder spielen sie auf Zeit? Und riskieren im Zweifel eine Anweisung der Aufsicht und womöglich einen Streit vor Gericht?

Kommentare zu " Prämien fließen selten: Krankenkassen rüsten sich lieber für Krisen"

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  • @ SteuerKlasseEins,
    viele Wege führen nach Rom. Das gilt auch für ein reformiertes Gesundheitswesen, das den Namen "Reform" verdient.
    Eine hohe Selbstbeteiligung setzt aber ein entsprechendes Einkommen voraus: Rentenzahlbeträge lt. Arbeits- und Sozialstatistik; 94% der Frauen und 49% der Männer erhalten eine Rente in Höhe bis 1.000 EURO.
    Damit dürfte eine "hohe" Selbstbeteiligung sich erledigt haben Im übrigen wird hier deutlich, dass ein Stellschraube korrigiert ungeahnte Auswirkungen hat.

  • @MaWo

    Daß das jetzige System nicht gerecht ist, ist ziemlich offensichtlich. Jemand der fast nie zum Arzt geht zahlt sagen wir 400 Euro monatlich als Krankenkassenbeitrag. Will er dann Ausnahmsweise mal beim Zahnarzt was reparieren lassen, muss er aus eigener Tasche bares zuzahlen.
    Jemand anderes zahlt nur 100 Euro monatlich, geht aber wegen jeder Kleinigkeit (Bauchweh, Kopfweh, Schürfwunden usw.) zum Arzt und lässt sich viele Medikamente verschreiben (Aspririn, Hustensaft) die andere Leute selber bezahlen.

    Es ist das typische Problem im Sozialismus: Das System wird von (fast) allen ausgenutzt solange bis es zusmmenbricht weil die produktiven Leute keine Lust mehr haben zu arbeiten.

    Die Lösung wäre ganz einfach: Man setzt eine hohe Eigenbeteiligung fest. Kleinigkeiten wie eine 100 Euro Routineuntersuchung oder Tabletten für 20 Euro zahlt man in Zukunft dann aus eigener Tasche. Nur wenn man größere Kosten hat, (nur) längere Krankenhausaufenthalte, Operationen usw., nur dann springt die Versicherung ein.
    Damit könnte man langsam aus dem sozialistischen "Sumpf" in den wir als Gesellschaft geraten sind, raus.

  • @ Transparenz,
    richtig, aber falsche Schlussfolgerung:
    Lt. BMG erhalten nachzugsberechtigte Familienangehörige in ihrem Heimatland ein für sie kostenfreie medizinische Versorgung. Sinn ist, dass bei Nachzug nach Deutschland der Staat für Wohnungen und weiteres sorgen müsste.
    Diese "mediziniosche Versorgung" zahlt ausschließlich der Pflichtversicherte. Der Bundeszuschuss deckt also nur teilweise solche Kosten ab, womit sich die zynische Frage stellt, ob privat Versicherte nun als Ausländerfeindlich einzustufen sind, da sie sich weder als Beitrags- noch als Steuerzahler hier beteiligen?!
    Da dies gesetzlich so "verordnet" wurde stellt sich weiter die Frage, ob Politiker sich lediglich optisch als Migrationsfreundlich darstellen aber in der Realität sich die Freundlichkeit von dem finanziell schwächstem Teil der Bürger bezahlen lasst.
    Was ist eigentlich "Niedertracht"?!

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