Kommentar zur Flüchtlingspolitik
Der Geist von Merkels Geste

Angela Merkel erklärt im Parlament ihre Flüchtlingspolitik. Unser Kolumnist meint: Keine historische Geste gefällt jedem. Durch Merkels Haltung wird Deutschland nicht zum Löwen, aber ist mehr als ein zahnloser Tiger.
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Politiker repräsentieren ihr Land. Das ist die formale, institutionalisierte Regel. Manchmal, eher selten, personifizieren sie ihr Land. Zumindest einen bestimmten Meinungs- und Gefühlsstrom ihres Landes. Der jeweils andere Meinungs- und Gefühlsstrom speit Gift und Galle. Ob zurecht oder nicht, so ist es. Wer hat Recht? Das hängt immer von den Überzeugungen und Wünschen des jeweils Wertenden ab. An der Tatsache der Personifizierung ändert die Polarisierung nichts.

Das Alte Deutschland – stramm, geformt mit „Blut und Eisen“, aber trotzdem maßvoll und letztlich politisch gemäßigt – personifizierte Otto von Bismarck. Fürs Alte Deutschland – tollpatschig, großmäulig, säbelrasselnd, maßlos – steht die Person von Kaiser Wilhelm II.

Wer personifiziert das Scheitern der Weimarer Republik? Der hochanständige, von den Unanständigen zerbrochene Sozialdemokrat Friedrich Ebert? Der anti- oder zumindest nichtrepublikanische Präsident jener Republik, Paul von Hindenburg? Heinrich Brüning, der die Weimarer Republik zu Tode sparte? Irgendwie alle drei.

Das mörderische, selbstmörderische, verbrecherische, Alt-Deutschland personifizierte Adolf Hitler.

Übergang und Aufbau vom Alten zum Neuen, menschlichen und demokratischen Deutschland personifiziert Konrad Adenauer. Das Ende alter „Erbfeindschaft“ und den Beginn der deutsch-französischen Freundschaft symbolisiert der Mannes-Wangenkuss, den Frankreichs Präsident de Gaulle Konrad Adenauer am 22. Januar 1963, bei der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages wagte.

Das Neue Deutschland – bewährt und erweitert demokratisch, weich und manchmal demütig – personifizierte Willy Brandt. Das Sinnbild schlechthin war am 7. Dezember 1970 sein Kniefall am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos. Hier wurde die Kraft der scheinbaren Machtlosigkeit Ereignis und auf diese Weise für lange Zeit das Erfolgsinstrument bundesdeutscher Außenpolitik schlechthin.

Kraft durch scheinbare Kraftlosigkeit. Die Durchschlagskraft dieser Schein-Kraftlosigkeit hatte fast christlich-jesuanisch-metaphysische Züge. Der Kreuzestod Jesu schien im wahrsten Sinne des Wortes sein Ende zu besiegeln. Heilsgeschichtlich war es bekanntlich der Anfang des christlichen Triumphs auf dem Weg zur Weltmacht. Weltmacht beziehungsweise Löwe wurde Deutschland bis heute – gott(?)lob – nicht, aber doch weit mehr als ein zahnloser Tiger.

Seite 1:

Der Geist von Merkels Geste

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Merkel personifiziert das Neue Deutschland

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  • http://www.hart-brasilientexte.de/.../der-ueble.../ -
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    Der üble Manipulationstrick mit dem angeblichen “Bürgerkrieg” in Syrien – in Wahrheit ein NATO-Stellvertreterkrieg. Bewohner der NATO-Staaten müssen den Krieg und auch noch die Folgen der ausgelösten Flüchtlingskatastrophe finanzieren…
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    Strenge Sprachregelungen in deutschen Redaktionen, bei Talkshows. Richtigstellungen von CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer.”Kaum ein Krieg wird so falsch dargestellt wie der Syrien-Krieg.
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    Dass das christlich missionarische Amerika inzwischen de facto an der Seite von Al Qaida kämpft und dabei das Ursprungsland des Christentums zerstört, ist an Absurdität kaum zu übertreffen.”
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    Der Irakkrieg, die Manipulations-und Propagandatricks:http://www.hart-brasilientexte.de/.../ukraine-2014-und.../

  • nun, die EU hat doch heute wieder beschlossen, dass die Aussengrenßen der EU gesichert werden müssen. Nichts anderes macht Orban.

  • weil nur wenn Assad gewinnt in Syrien Ruhe herschen wird!

    weil die Menschen dort zum größten Teil mit demokratie nicht umgehen können. weil dort immer noch der Stärkere siegt und das Sagen hat.

    Weil man Menschen nicht mit netten Sprüchen ändert - sondern Änderungen sehr, sehr oft Generationen brauchen.

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