Rede in Göttingen
Schröder für liberalisierte Stammzellforschung

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) macht sich für eine Lockerung der bisher strengen Vorschriften zur Forschung mit embryonalen Stammzellen stark. Bei den Grünen stieß der Vorstoß umgehend auf Protest, auch die Union lehnte eine Lockerung ab.

HB GÖTTINGEN. Deutschland habe international eines der restriktivsten Gesetze in diesem Bereich, sagte der Kanzler am Dienstag bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen. "Ich bin davon überzeugt, dass wir uns der Tendenz zu einer Liberalisierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht entziehen können", sagte Schröder.

Der Kanzler betonte, sich den Chancen des wissenschaftlichen Fortschritts zu verschließen, nur weil es auch Risiken gebe, halte er für den falschen Weg. Solange das medizinische Potenzial der Forschung mit adulten wie mit embryonalen Stammzellen nicht ausgelotet sei, bestehe eine Pflicht, diese Forschung zu nutzen.

Schröder erklärte, seiner Meinung nach sei das Verbot der Forschung mit Stammzellen, die aus menschlichen Embryos gewonnen wurden, nicht zu halten. Der Kanzler fragte: "Wie verhalten wir uns, wenn irgendwann einmal die erste auf der Grundlage der Forschung an embryonalen Stammzellen entwickelte Therapie gegen bisher unbekannte Krankheiten auf den Markt kommt? Wollen wir ernsthaft den Import eines solchen Medikaments verbieten?"

Anlass der erneuten Diskussion sind wissenschaftliche Erfolge von Stammzellforschern in Großbritannien und Südkorea. Das so genannte therapeutische Klonen ist in Deutschland im Stammzellgesetz untersagt. Erlaubt ist lediglich die Forschung an Stammzellen, die vor dem 1. Januar 2002 importiert wurden. Die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken ist grundsätzlich verboten.

Die Grünen-Bundestagsfraktion sprach sich umgehend dagegen aus, die Standards des Stammzellengesetzes aufzuweichen. Ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Volker Beck sagte, die Grenzen der Bioethik dürften nicht leichtfertig den Heilsversprechen der Medizin und den ökonomischen Interessen der Pharmaindustrie geopfert werden. Die Nutzung von Embryonen "zur Ausschlachtung für embryonale Stammzellen ist forschungspolitisch verbrämter Kannibalismus" und müsse verboten bleiben.

Die Union pflichtete den Grünen bei. Der Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin", erklärte, es gehe um den Schutz des Embryos und die Tötung von menschlichem Leben. Die ethische Bewertung der Embryonalforschung dürfe deshalb nicht von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgen abhängig gemacht werden.

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