Rede von Olaf Scholz
„Wir haben einen Giganten verloren“

Hamburg, Deutschland und die Welt nehmen Abschied von Helmut Schmidt: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz würdigt den Altkanzler als Staatmann, Europäer, Weltpolitiker – und Giganten. Seine Rede im Wortlaut.

Hamburg trauert. Und nicht nur Hamburg – Deutschland, Europa, ja die ganze Welt beklagt den Verlust eines großen Politikers und Bürgers. Es ist noch kaum vorstellbar, dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn werden führen müssen.

Liebe Familie Schmidt, liebe Familie Loah, sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Exzellenzen, sehr geehrte Trauergäste, wir nehmen heute Abschied von Helmut Schmidt. Wohl selten in Deutschland sind einem Politiker so viel Respekt und Vertrauen entgegengebracht worden. Selten hat jemand in solch gelassener Selbstverständlichkeit die öffentlichen Belange, die res publica, verkörpert wie er: ein Staatsmann im eigentlichen Sinn des Wortes.

Als in den Nachrichtensendungen zu seinem Tod die politischen Würdigungen zitiert wurden, hieß es dort auch, dass er ein „erleuchteter Europäer“ gewesen sei. Ich bin mir sicher: Das war ein Übersetzungsfehler und es hieß im Original „enlightened“ – also: aufgeklärt. Das war Helmut Schmidt ohne Zweifel. Aber es ist schon bemerkenswert, dass eine Redaktion auch den „erleuchteten Europäer“ durchaus im Bereich des Möglichen gesehen hat.

Dabei hat Helmut Schmidt wiederholt betont, dass er den Tod für endgültig halte und danach nichts komme. Ich will das nicht ausdeuten, für uns Nachbleibende trifft das jedenfalls nicht zu. Er ist von uns gegangen, aber vieles von ihm bleibt bei uns.

Das gilt, liebe Susanne Schmidt, liebe Ruth Loah, natürlich gerade für diejenigen, die ihm besonders nahe gewesen sind. Wir fühlen mit Ihnen.

Wir alle verlieren einen wichtigen Wegbegleiter. Gemeinsam mit Helmut Schmidt haben wir erlebt, wie aus lebensklugem politischem Pragmatismus scheinbar unbegrenzte moralische Autorität erwachsen kann. Gegründet auf dieses Fundament hinterlässt er uns ein Erbe, das wir annehmen wollen. Wir haben vieles von ihm gelernt. Das bleibt.

Und so mischt sich an diesem Tag in unsere Trauer auch die Dankbarkeit für das, was Helmut Schmidt uns mit auf den Weg gegeben hat. Von Helmut Schmidt haben wir gelernt, was es heißt, in einer demokratischen und offenen Gesellschaft politische Verantwortung zu übernehmen.

Viele, gerade in dieser Stadt, erinnern sich an den beherzten Hamburger Polizeisenator, der 1962 mit Klugheit und Augenmaß eine größere Katastrophe verhindert hat. Als die Dämme brachen, organisierte er die notwendige Hilfe – selbst wenn er den gesetzlichen Rahmen etwas dehnen musste. Viele Geschichten werden darüber erzählt. Am bedeutsamsten aber ist, mit welcher Klarheit Schmidt hier Kants kategorischen Imperativ zur Richtschnur einer verlässlichen Politik in unübersichtlichen Zeiten gemacht hat.

Handelsblatt Sonderausgabe:
Abschied von Helmut Schmidt

Der Altkanzler ist am 10. November 2015 im Alter von 96 Jahren in Hamburg gestorben. Das Handelsblatt blickt in einer Sonderausgabe zurück auf sein Leben und Wirken.

Lesen Sie unter anderem:

  • Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen. Von Gabor Steingart
  • „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte. Von Hans-Jürgen Jakobs
  • Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner. Von Sven Afhüppe
  • Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht. Von Arnulf Baring

  • Jetzt lesen: Den Digitalpass vier Wochen gratis testen und die komplette Handelsblatt Sonderausgabe kostenlos als PDF downloaden oder im Einzelverkauf für 2,99 Euro im Kaufhaus der Weltwirtschaft erwerben.

    15 Jahre später, unter dem Terror der RAF, sollte diese politische Grundhaltung erneut auf die Probe gestellt werden. Dass sich der deutsche Staat nicht hat erpressen lassen, hat ihn gegen den Terror gewappnet. Es hat aber auch den Träger dieser Entscheidungen in Stunden tiefer Verzweiflung gestürzt. Verantwortung muss man bereitwillig tragen, bisweilen auch ertragen.

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Der Rigorismus dieser nur scheinbar so formalen Feststellung ist wesentlich dafür, wie Helmut Schmidt von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen wurde.

    Er hat vorgelebt, wie anständige und vernünftige Politik aussieht. Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht.

    Unsere freiheitlich demokratische Verfassung fußt auf der Überzeugung, dass jeder Einzelne Verantwortung für sich und für die Gemeinschaft übernimmt und übernehmen kann. Daraus entsteht die offene Gesellschaft, die Helmut Schmidt so am Herzen lag.

    Wir erleben heute wie attraktiv diese Offenheit ist. Wir spüren aber auch, dass sie erbitterte Feinde hat. Wir haben das vor zehn Tagen bei den Terroranschlägen von Paris erleben müssen.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%