Renovierung hat 24 Millionen Euro gekostet
Alte „Bruchbude“ im neuen Glanz

„Das ist die Berliner Luft“, schmetterte die Musikkapelle der Bundeswehr, und die Luft war klirrend kalt in der Hauptstadt.

HB BERLIN. So kalt und feucht, dass Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag bei der Übernahme des frisch renovierten Schlosses Bellevue auf seine vorbereitete Rede verzichtete. „Ich bedauere, dass Sie frieren“, sagte das Staatsoberhaupt, steckte sein Manuskript weg und lud die ersten 40 Bürger zum Rundgang ein. Die hatten bis zu drei Stunden auf diese Gelegenheit gewartet.

Dass ihnen schnell warm wurde, lag nicht nur an der neuen Heiz- und Klimatechnik, die während der anderthalbjährigen Renovierungsphase ins Schloss eingebaut wurde. Warme Farbtöne und eine harmonische Innengestaltung sorgen jetzt dafür, dass sich die Gäste in dem von Alt-Bundespräsident Roman Herzog einstmals als „Bruchbude“ titulierten Gemäuer wieder wohl fühlen können.

Der technische Zustand des zwischen 1784 und 1787 errichteten Schlosses war desolat. Von stecken gebliebenen Aufzügen wurde berichtet, von Stromausfällen, die Empfänge bei Kerzenlicht erzwangen. Das Raumklima war so schlecht, dass gar die durchtrainierten Sportler der Fußball-Nationalmannschaft ins Schwitzen kamen und den wertvollen Gemälden Schaden drohte.

Rund 24 Millionen Euro nahm der Bund in die Hand, um den Missständen abzuhelfen. Im Mai 2004 wurde ein Bretterzaun ums Schloss errichtet, die Bauarbeiter legten los - bis zu 120 Menschen waren in Spitzenzeiten an der Sanierung beteiligt.

Auf den ersten Blick fällt die Renovierung kaum auf. Die aufwendige Haustechnik wurde hinter Decken und unter Fußböden versteckt. Das historische Erscheinungsbild blieb weitestgehend erhalten, beispielsweise in der Eingangshalle oder im Langhanssaal, der 1791 nach einem Entwurf von Carl Gottfried Langhans gestaltet wurde. „Ich habe mich bemüht, noch ein paar bunte Bilder 'reinzubekommen“, sagte Hausherr Köhler zu seinen Gestaltungsmöglichkeiten, und auch bei der Farbgebung einiger Wände hatte er ein Wörtchen mitzureden.

„Als erste sollen die Bürgerinnen und Bürger ihr Schloss wieder in Besitz nehmen“, hatte sich Köhler gewünscht, und so gab es am Sonntag einen Tag der offenen Tür, zu dem sich hunderte Schaulustige einfanden. Die ersten 40 von ihnen durften mit dem Bundespräsidenten durchs Schloss wandeln und waren sichtlich angetan.

„Allein die Tatsache, dass man nicht alle Tage eine Führung mit dem Bundespräsidenten hat, hat mich schon gereizt. Aber das sieht hier alles ganz gut aus“, befand eine Berlinerin, die bereits drei Stunden vor Beginn zum Schloss gekommen war.

Das Amtszimmer des Präsidenten konnte besichtigt werden, der Gartensalon „für kleinere Besprechungen“, und auch der Damensalon, in dem die Empfänge für das „Damenprogramm“ stattfinden. Im Obergeschoss begrüßt ein Staatsgeschenk des russischen Zaren die Besucher - eine große Amphore, die ein Reiterporträt von Friedrich Wilhelm III. ziert. Durch den Salon II geht es ins Musikzimmer, das von einem Steinway-Flügel dominiert wird: „Seine Schlichtheit und zurückhaltende Ausstattung geben diesem Raum seine besondere Prägung“, heißt es in der Beschreibung. Mit der Zurückhaltung ist es spätestens im lichtdurchfluteten Großen Saal wieder vorbei, in dem bis zu 160 Gäste speisen können. Und wer dann vom vielen Trinken mal wohin muss: Auch die Toilettenanlage wurde erneuert.

Zum Abschluss des Rundgangs verabschiedeten sich Köhler und Frau Eva Luise von ihren Gästen mit Handschlag, gaben Autogramme, ließen sich fotografieren und verteilten Pralinen. 10.000 Stück der handgemachten, mit einem Bundesadler verzierten Süßigkeiten hatte das Präsidialamt anfertigen und einzeln eintüten lassen.

„Ich glaube, dass Schloss Bellevue eine angenehme, fast leichte Eleganz hat“, resümierte Köhler. Das Gebäude besitze Ausstrahlung, wirke aber nicht überheblich. „Wir wollen nicht protzen, wir wollen nicht mehr scheinen, als wir sind“. Wenn es wieder warm ist in Berlin, wird das besonders deutlich werden. Dann lodern im Tiergarten gegenüber zahlreiche Grillfeuer, und schlichter Qualm verbindet sich mit Glanz und Gloria von Schloss Bellevue.

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