Renten-Studie
Kaum jemand arbeitet bis zum 65. Lebensjahr

Eine neue Studie liefert Gewerkschaften und Sozialverbänden Munition gegen die Rente mit 67. Schon heute arbeitet nur jeder 20. Beschäftigte bis zum offiziellen Rentenalter. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hält die Rente mit 67 für "nicht vertretbar" und fordert die Politik auf, ihre Gesetze zu überarbeiten.
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BERLIN. Die Rente mit 67 kommt für die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage. Denn schon heute arbeitet nur jeder 20. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte bis zum derzeit geltenden Regelalter für den Rentenbeginn von 65 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt der dritte Monitoring-Bericht des "Netzwerks für eine gerechte Rente", der dem Handelsblatt vorliegt. Die Zahlen sprächen eine eindeutige Sprache, sagte das Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Annelie Buntenbach: "Alle Indikatoren weisen darauf hin, dass die Rente mit 67 nicht vertretbar ist. Wenn die Koalition sich an geltendes Recht hält, muss sie die Rente mit 67 deshalb nach der im Gesetz für das nächste Jahr vorgesehenen Überprüfung zurückziehen."

Prüfauftrag im Gesetz

Das "Netzwerk für eine gerechte Rente" haben der DGB und mehrere Sozialverbände 2007 gegründet. Den ersten Monitoring-Bericht legte es im Dezember vergangenen Jahres vor. Schon damals überwog die Skepsis, dass der Plan der damaligen Großen Koalition, das Rentenalter von2012 bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre zu erhöhen, umgesetzt werden kann. Genau dies muss die schwarz-gelbe Koalition erstmals 2010 und danach alle vier Jahre überprüfen.

Nur wenn die Regierung zu dem Ergebnis kommt, dass ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt eine reelle Chance haben, wenigstens bis 65 zu arbeiten, darf sie den Startschuss für den schrittweisen Anstieg des Rentenalters geben. Andernfalls würde das höhere Renteneinstiegsalter nur zu einer Rentenkürzung führen. Denn geht der Arbeitnehmer vor 67 in den Ruhestand, muss er für jedes Jahr des vorgezogenen Rentenbeginns empfindliche Abschläge bei seinen Altersbezügen in Kauf nehmen. Genau in dieser Lage befinden sich laut Bericht schon heute sehr viele Beschäftigte, vor allem geringer Qualifizierte. Während etwa unter den Geistes- und Naturwissenschaftlern 65 Prozent der 55- bis 59-Jährigen im Job sind, liegt diese Quote bei Hilfsarbeitern nur bei 35 Prozent.

Für diejenigen, die nicht mehr können, werde die Erwerbsminderungsrente mehr und mehr zum Auffangbecken, so Birgit Zenker, Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung. So sei die Zahl dieser Renten 2008 zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Dabei sind es immer mehr psychische Erkrankungen, die zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Job führen. Viele Erwerbsunfähige sind zudem von Altersarmut bedroht. Ein Grund ist, das Erwerbsunfähigen vor dem 65. Lebensjahr jährlich mehr als zehn Prozent von ihrer Rente abgezogen werden. 94 Prozent der 161 000 neuen Erwerbsminderungsrentner waren 2008 von diesen Abschlägen betroffen. Ein weiterer Grund ist, dass vor allem schlechter bezahlte Arbeitnehmer meist noch vor dem 60. Lebensjahr eine Rente wegen Arbeitsunfähigkeit beziehen. Im Schnitt liegt das Einkommen eines Empfängers von Erwerbsminderungsrente bei 84 Prozent des Durchschnittsverdienstes.Damit fehlt oft auch Geld für ergänzende Vorsorge.

Renten deutlich gesunken

In der Folge sank die durchschnittlich gezahlte Erwerbsunfähigkeitsrente seit 2000 um mehr als zwölf Prozent auf 647 Euro. Von den Rentnern, die auf ergänzende Sozialhilfe (Grundsicherung) angewiesen sind, schied die Hälfte vor dem Rentenalter wegen Arbeitsunfähigkeit aus. 50 Prozent der erwerbsunfähigen Männer werden weit vor der Rente aus dem Arbeitsleben herausgedrängt. Bei den Frauen sind es 30 Prozent. Sie sind in der Regel arbeitslos vor der Rente. Auch das verschärfe das Risiko der Altersarmut. Denn vor allem für Zeiten des Hartz-IV-Bezugs erhalten Arbeitslose so gut wie keine zusätzlichen Rentenansprüche.

Nach Ansicht von DGB-Vorstand Buntenbach, die auch alternierende Vorsitzende der Deutschen Rentenversicherung ist, soll die Bundesregierung zunächst diese Probleme beim Übergang in den Ruhestand lösen, statt sie durch die Rente mit 67 zu verschärfen. Als ersten Schritt fordern die Gewerkschaften die Beseitigung der Abschläge bei Erwerbsunfähigkeitsrenten. Dies stand auch schon auf der Agenda der SPD. Doch selbst der frühere SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz konnte sich dazu wegen der Kosten von mehr als zwei Mrd. Euro pro Jahr nicht durchringen.

Der neuen Koalition geht es nicht besser. Auch an der Rente mit 67 will sie bislang nicht rütteln. Zwar soll, wie im Gesetz vorgesehen, im November 2010 geprüft werden. Doch ließ der inzwischen zurückgetretene Arbeitsminister Franz Josef Jung keinen Zweifel daran, dass er die Datenlage eher positiv interpretiert: Die Erwerbsbeteiligung Älterer steige doch. Und darauf komme es doch an.

Kommentare zu " Renten-Studie: Kaum jemand arbeitet bis zum 65. Lebensjahr"

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  • Es geht doch bei dem Gesetz nicht darum, länger zu arbeiten. Die Rentner sollen nur weniger Rente bekommen. Hierdurch werden die Unternehmen noch höhrere Gewinne einfachren und dies an die Atkionäre verteilen können.

    Übrigens, die Politiker betrifft das ja eh nicht, die nehmen sich was sie wollen.

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