Röttgen-Buch
„Deutschlands beste Jahre kommen noch“

Wenn einer in diesen Tagen ein Buch vorstellt, das den Titel trägt, „Deutschlands beste Jahre kommen noch“ ist das ein Hingucker. Unions-Fraktionsgeschäftsführer Röttgen erklärt, „warum wir keine Angst vor der Zukunft haben müssen“ – so der Untertitel seines Erstlingswerks. Ausgerechnet in der Krise hält er die Zeit für eine Rückkehr der Politik gekommen. Und die Union soll die Führung übernehmen. Nur wohin soll es gehen?

BERLIN. Als parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion hat Röttgen dafür zu sorgen, dass der Parlamentsbetrieb läuft. Jetzt steigt der Mann heraus aus dem Maschinenraum der Großen Koalition auf das Sonnendeck und will die Wolken deuten - warum nur?

Ob sich der 43-Jährige von dem Buch einen "Intellektuellen Schub" für seine Karriere verspricht, sei dahin gestellt. Vor eineinhalb Jahren war er so genervt von der Zwangsjackenregierung mit der SPD, dass er als Hauptgeschäftsführer zum BDI wechseln wollte. Heute ist er vorsichtig genug, seine politischen Ambitionen nicht durch allzu offene Worte zu begraben. Doch was ihm nutzen mag, schadet dem Buch.

Röttgen liefert die Metaebene zur Politik in der Globalisierung, konkrete Projekte nennt er nicht. Er spricht von der Gestaltungsmacht der Politik, bleibt aber vage, wenn es darum geht, wie er gestalten will.

Überzeugend ist Röttgen dort, wo er den Ursachen für die Ängste der Menschen nachgeht. "Sie spüren, dass der Grund bebt, sehen im Alltag aber, dass Politik so weiter macht wie bisher", sagt er. Mit US-amerikanischen Soziologen und Volkswirtschaftlern, die man zum Thema kennen muss, belegt er seine Thesen. Wie der demokratisch legitimierte Nationalstaat seiner Handlungsfähigkeit beraubt wird. Wie die Prägekraft westlicher Lebensweise abnimmt, auch deshalb weil die Welt am Abgrund stünde, würde überall Wirklichkeit, woran wir uns längst gewöhnt haben. All das verschmilzt zu einer überzeugenden, wenn auch nicht ganz neuen Analyse von Ursachen, Gefahren und Chancen der Globalisierung. All das ist klug, angenehm zu lesen, gut anzuhören. Doch wie seine Partei, die CDU, konkret darauf reagieren soll, welche Politik sich daraus ergeben soll, Antworten darauf bleibt er schuldig.

Das ist schade, denn Röttgen hätte dazu einiges zu sagen. Trotz seines mechanisch klingenden Jobtitels ist der "erste PGF" einer der mächtigsten Männer in der Merkel-CDU. Als enger Vertrauter hat er gute Chancen auf einen wichtigen Posten, sollte es zur Neuauflage einer Unionsgeführten Regierung kommen. Stünde das Amt des Wirtschaftsministers derzeit nicht der CSU zu, wäre er ein aussichtsreicher Kandidat für die Glos-Nachfolge anstelle Karl-Theodor zu Guttenbergs gewesen.

Längst pariert Kanzlerin Angela Merkel lästige Fragen nach der Wirtschaftskompetenz lässig mit dem Namen Röttgen. Mit ihrem Segen gibt er in diesen Tagen den Ordnungspolitiker und wird so, etwa in der Debatte um Staatshilfen für Opel, auch öffentlich, zum Gegenspieler von NRW-Regierungschef Jürgen Rüttgers.

In der Krise reklamiert Röttgen den Führungsanspruch für die CDU - ohne freilich zu sagen, wohin die Partei das Land führen will. Allenfalls spürt man eine Richtung, wenn er die CDU abgrenzt von denen, die Globalisierungsängste machtpolitisch instrumentalisieren, wie die Linke, und vor denen, die die Waffen strecken und das Zusammenwachsen der Welt als Naturgewalt begreifen, der der Einzelne, der Staat, die Politik nichts entgegenzusetzen haben. Seine Empfehlungen an die Politik sind nicht neu, sie erinnern an Thesen Gerhard Schröders und Tony Blairs. Bildung steht im Mittelpunkt, Befähigung des Einzelnen zur "Teilhabe". Statt Alimentierung durch einen Sozialstaat, der mit der Reparatur von früh gescheiterten Erwerbsbiographien heillos überfordert ist.

Die Beantwortung der Frage nach dem Wirtschaftsprofil hat die Union in der Krise an zwei ihrer Nachwuchsstars delegiert: Röttgen und zu Guttenberg. Die Antwort auf die Frage, ob das gelingt, wird davon abhängen, wie gut die beiden in den nächsten Monaten harmonieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%