Sigmar Gabriel
Vom „Siggi-Pop“ zum Erben Willy Brandts

Erst ein paar Wochen ist es her, da kokettierte er noch mit dem Ausstieg aus der großen Politik. Doch damit wird es jedenfalls vorläufig nichts. Jetzt ist Gabriel erst einmal an der Reihe, sich als nächster SPD-Chef daran zu versuchen, die SPD aus dem Jammertal zu holen.
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DRESDEN. Der Startplatz ist denkbar ungünstig, aber Sigmar Gabriel tritt trotzdem an. Er übernehme die SPD in einem „katastrophalen Zustand“, gestand der designierte Vorsitzende jüngst in einem Brief an die Ortsvorsitzenden seiner Partei. Nicht nur die schwere Wahlniederlage hat am Selbstbewusstsein der Genossen genagt. Unter dem straffen Regiment von Franz Müntefering ist an der Basis auch ein Gefühl von Ohnmacht eingekehrt. Alles werde von der Parteispitze vorgegeben, offene Debatten seien nicht mehr möglich, lautet die gängige Klage. Gabriel kennt das Problem; zu oft hat er bei seinen ausgedehnten Touren durch die Parteigliederungen davon hört.

Auch prominenten Sozialdemokraten geht es so wie den einfachen Mitgliedern. Bei manchen Gremiensitzungen fühle er sich an „die schlimmsten Zeiten des Stalinismus erinnert“, klagte jüngst im kleinsten Kreis ein Spitzen-Gewerkschafter mit SPD-Parteibuch. Kritik gebe es im Willy-Brandt-Haus überhaupt nicht mehr und offenkundige Probleme würden von der SPD-Spitze in Berlin ausgeblendet. Stattdessen hätten die Wahlverlierer Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering sogar noch versucht, sich wieder für die Top-Posten in der Partei zu bewerben.

Der Frust der Genossen ist mit Händen greifbar. Innerparteiliche Demokratie, Mitbestimmung, Teilhabe – alle diese sozialdemokratische Werte gelten in den eigenen Reihen offenbar nichts mehr.

Das Zuhören hat Gabriel sich deshalb zur ersten Aufgabe gemacht. Man müsse die Mitglieder „wieder ernst nehmen“, dürfe nicht mehr „über ihre Köpfe hinweg entscheiden“, hat er sich vorgenommen. Zu diesem Prozess von Erneuerung und Aufarbeitung gehört auch eine schonungslose Analyse des Wahlergebnisses. Gabriel will den Ursachen des „Desasters“, wie er selbst einräumt, auf den Grund gehen, um eine Wiederholung zu vermeiden. Mit einer bloßen Schuldzuweisung an Spitzenkandidat Steinmeier und den alten Parteichef Müntefering sei niemandem geholfen, so der künftige SPD-Vorsitzende. „Wir haben die Wahl alle zusammen verloren“.

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  • birne als gelungenes beispiel von Pfeife zum Staatsmann zu nehmen disqualifiziert den Kommentar von aruba von selbst. Als Verunglimpfung des begriffes Staatsmannl lasse ich es aber gelten.

  • Guten Tag,.........ich mag die SPD nicht ( mehr ). Aber es gab andererseits bei den Schwarzen mal eine birne die sich selbst "Enkel Konrad Adenauers" schimpfte. Trotzdem wurde er ein grosser Staatsmann. besten Dank

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