Smart Citys
Kluge Städte gegen den Verkehrskollaps

Schon jetzt lebt weit mehr als die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es 75 Prozent sein. Im Wettbewerb um lebenswerte und klug konzipierte Städte muss Deutschland nachlegen, zeigt eine Studie.
  • 0

BerlinDubai will besser werden: Jeder Einwohner der Wüstenstadt am Persischen Golf hatte zuletzt durchschnittlich 72 Stunden pro Jahr in Staus verbracht, die ständige Verkehrsüberlastung kostete die Wirtschaft jährlich 790 Millionen US-Dollar. Wer einen Dienst einer Behörde in Anspruch nehmen wollte, der konnte sich auf eine wochenlange Bearbeitung einstellen.

Jetzt investiert die Millionenstadt in ein intelligentes Verkehrsmanagement, eine Parkraumbewirtschaftung und in öffentliche Verkehrsmittel, um Verkehrsstaus und klimaschädlichen CO2-Ausstoß kontinuierlich zu reduzieren. Das Ziel: bis 2021 die smarteste City der Welt zu werden, übersetzt etwa die intelligenteste, am besten vernetzte und nachhaltigste Stadt. „Dubai nimmt im Ranking der Smart Citys einen Spitzenplatz ein“, meint Harald A. Summa, Geschäftsführer des Verbandes der Internetwirtschaft eco, der zusammen mit der Unternehmensberatung Arthur D. Little eine Studie zu Chancen von Smart Citys in Deutschland erstellt hat. Die Ergebnisse liege dem Handelsblatt exklusiv vor. Denn in Deutschland gibt es noch viel Handlungsbedarf.

Allgemein geht es bei Smart Citys um effiziente, technologisch fortschrittliche und nachhaltige Städte – mit dem Ziel, sie lebenswerter zu machen. „Smart-City-Konzepte bieten Antworten auf die Herausforderungen der Urbanisierung“, sagt Summa. „Dazu gehören Lösungen für immer mehr Mobilität, eine bessere Luft- und Umweltqualität und für eine alternde Bevölkerung.“ Den Markt taxieren Arthur D. Little und eco auf einen der am schnellsten wachsenden Sektoren weltweit. Laut Studie verzeichnet dieser Sektor 2017 einen Umsatz von etwa 20,4 Milliarden Euro allein in Deutschland. Bis 2022 sollen sich diese Umsätze in Deutschland auf rund 43,8 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 16,5 Prozent.

„Der steigende Urbanisierungsgrad in Deutschland stellt Städte zunehmend vor neue Herausforderungen“, sagt Lars Riegel von Arthur D. Little. Den jahrzehntelangen Strukturen muss dringend ein Update verpasst werden, denn auch in Deutschland gelangt die Infrastruktur vor allem in Ballungsgebieten an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Menschen leiden unter Parkplatznot und einer Luftverschmutzung, dass selbst ein Fahrverbot von Dieselfahrzeugen in Innenstädten nicht mehr ausgeschlossen ist.

Es geht aber längst nicht nur um eine Verbesserung des Verkehrsflusses durch Echtzeit-Informationen zur Verkehrssituation, Parkraumempfehlungen, oder intelligenten Ampelsystemen. Betroffen ist auch die Gebäudetechnik, digitale Gesundheitsdienste wie Telemedizin, Videoüberwachung und digitale Behördendienste. Ein gravierendes Problem in Deutschland ist indes die Basis dieser Dienste: die Internetverbindung, die im ländlichen Raum viel zu langsam ist.

Doch die Smart City ist weit mehr als eine lästige Herausforderung, sondern bietet Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen enormes Potenzial. Vergleiche man diese Branche mit den klassischen großen deutschen Sektoren wie dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie, zeige sich das Potenzial, so die Studie. Diese Branchen seien zwischen 2010 und 2015 um jährlich lediglich rund 0,5 bis knapp sechs Prozent gewachsen.

Die Unternehmen sollten mit Pilotprojekten den Einsatz neuer Technologien stark vorantreiben, fordern die Unternehmen in ihrer Studie. Ansonsten würden sie im internationalen Wettbewerb zurückfallen und an Attraktivität verlieren. Städte sollten enger zusammenarbeiten und einen ganzheitlichen Ansatz finden. „Das geeignete Smart-City-Konzept wird immer mehr zum Standortfaktor“, heißt es. So sieht es auch das Zukunftsinstitut in Frankfurt, ein Think-Tank der Trend- und Zukunftsforschung. Städte, die im Konkurrenzkampf um Unternehmen und Einwohner eine Rolle spielen wollen, müssen weltoffen sein, über eine gute Verkehrsanbindung verfügen und ein umfangreiches Kultur-, Freizeit- und Naherholungsangebot liefern, rät das Zukunftsinstitut.

Doch die Wirtschaft läuft Gefahr, den Anschluss in diesem Wachstumsmarkt zu verpassen. Deutsche Unternehmen sollten beginnen, entsprechende Produkte und Dienstleistungen mit Testkunden und Referenzprojekten auf den Markt zu bringen, um bei den großen Mega-Projekten, wie sie bereits heute international durchgeführt werden, zum Zuge zu kommen, fordern Arthur D. Little und eco.

Seite 1:

Kluge Städte gegen den Verkehrskollaps

Seite 2:

München, Berlin und Frankfurt sind Vorreiter

Kommentare zu " Smart Citys: Kluge Städte gegen den Verkehrskollaps"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%