Sommerreise
Merkel und die Nöte der Mittelständler

Angela Merkel besucht den deutschen Mittelstand – und erfährt, dass sich auch kleine Firmen vor neuem Protektionismus fürchten. Wie die Sommerreise der Kanzlerin zum Aha-Erlebnis für die deutsche Politik wird. Ein Report.

Angela Merkel kommt in die Fertigungshalle, und alles geht weiter seinen Gang. Im knallroten Blazer schreitet die Kanzlerin auf Olaf Bauer zu, der mit kräftigen Oberarmen und einem Presslufttacker lautstark Nägel in einen Dachstuhl aus Holz schlägt. Seit 16 Jahren arbeitet der Vorarbeiter bei Opitz-Holzbau im nordbrandenburgischen Neuruppin. Jetzt erklärt er der Kanzlerin die Herstellung von Fertighausteilen.

Bei VW in Wolfsburg hat sich Merkel für den Erhalt des VW-Gesetzes gegen alle Bedenken der EU stark gemacht, in Rüsselsheim den Opel-Mitarbeitern Mut bei der Trennung von GM zugesprochen. Unternehmen sind das, die Deutschland in der ganzen Welt bekannt machen, Firmen, bei denen ein Kanzlerbesuch für dicke Schlagzeilen sorgt. Weitgehend ohne größeres Presseecho führt sie ihre Sommerreise jetzt in den deutschen Mittelstand – in all seiner Vielfalt. Ende August will sie den Handelsriesen Tengelmann mit weltweit 116 000 Beschäftigten besuchen. Gestern war sie zur Visite bei Holzbau Opitz, einem Betrieb mit 54 Mitarbeitern.

Das Unternehmen wurde kurzfristig, aber mit Bedacht ausgewählt. Erst vergangenen Donnerstag haben sie hier erfahren, dass die Kanzlerin sich die Produktion von Dächern und Solaranlagen anschauen will. Dächer für Billigsupermärkte und Fertighäuser sowie Solaranlagen stellt Opitz her. Die Produktion in der lichten Halle verbraucht gerade so viel Energie wie die Solaranlagen auf dem Dach erzeugen. „Sonnendynamisch bauen“ steht auf den T-Shirts der Mitarbeiter.

Stolz ist man hier darauf, mit dem Mittelstands-Siegel Top-100 als innovative Firma ausgezeichnet worden zu sein. Von der Krise ist das Unternehmen „eigentlich nicht betroffen“, sagt Firmenchef Martin Opitz. „Aber ich kann natürlich nicht sagen, was morgen ist.“ 30 Prozent Exportanteil hatte Opitz Holzbau im Jahr 2008, der Umsatz betrug 9,5 Mio. Euro.

Immer schon hat Merkel dem Mittelstand geschmeichelt, dem Jobmotor der Wirtschaft. 70 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in Betrieben mit bis zu 500 Beschäftigten. Natürlich will die Kanzlerin jetzt wissen, ob der Jobmotor Mittelstand in der Krise stottert. Nach ihrem Rundgang trifft sie sich mit Unternehmern aus der Region, solchen, die Windräder mit Zahnrädern ausstatten und Wärmebehälter für Solaranlagen herstellen.

Gerade in den neuen Ländern wachsen Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien. Merkel erfährt, wie sehr diese Firmen vom Export abhängig sind; sie hört, dass die Furcht vor neuem Protektionismus in der Weltwirtschaft bis nach Nordbrandenburg reicht. Der Ausstatter von Windrädern klagt, dass er wegen Handelshemmnissen in China nichts mehr verkaufen kann. Andere berichten von ähnlichen Erfahrungen. Der Bund habe mit seinen Förderprogrammen viel für erneuerbare Energien getan, sagt Merkel danach. „Die Rahmenbedingungen staatlicherseits haben Investitionen möglich gemacht. Jetzt stellt sich die Frage nach den Auswirkungen der Krise.“

Merkel hört von Problemen bei der Kreditvergabe. „Die Banken sind gefordert“, sagt sie. Sicher, die lokalen Banken, Sparkassen und Raiffeisenbanken kämen ihrem Job nach. „Aber wir haben ein Riesenproblem bei langfristigen Investitionen von über zehn Millionen Euro.“ Die Kanzlerin will die Basel-II-Regeln – die Vorschriften über die Höhe des Eigenkapitals, das die Banken bei der Kreditvergabe vorweisen müssen – verändern. Sie würden die Krise verschärfen.

Am Ende des Besuchs an diesem schwülen Sommertag wird Merkel richtig düster. Gäbe es hier nicht rasch Lösungen, würden deutsche Unternehmen „die nächste Innovationswelle nicht mitmachen“.

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