SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier im „Townhall“-Auftritt
„Is nicht schön….“

Schweißperlen kullern Frank-Walter Steinmeier über die Wange. Langsam bilden sich Tropfen auf der Stirn, die Hände krallen sich um das Stehpult. Wer den SPD-Kanzlerkandidaten im RTL-„Townhall“-Meeting beobachtet, könnte glauben, dass hier ein Politiker durch scharfe Fragen völlig in die Enge getrieben wird. Aber weit gefehlt.

BERLIN. Schweißperlen kullern Frank-Walter Steinmeier über die Wange. Langsam bilden sich Tropfen auf der Stirn, die Hände krallen sich um das Stehpult. Wer den SPD-Kanzlerkandidaten im RTL-"Townhall"-Meeting beobachtet, könnte glauben, dass hier ein Politiker durch scharfe Fragen völlig in die Enge getrieben wird.

Aber weit gefehlt: Es ist nur heiß im Studio, sehr heiß. Nur ändert die Erklärung nichts am Eindruck, dass hier ein Kandidat steht, der sich unwohl führt. Und die Angespanntheit überträgt sich auf das Publikum. Alles wirkt bei RTL zunächst brav, inszeniert - da hilft auch nicht, dass Steinmeier anders als die Kanzlerin beim Townhall-Treffen steht und nicht sitzt. Dabei sollte doch gerade das Townhall-Format aus den USA ein direkteres, spontaneres Aufeinandertreffen von Bürgern mit der Politik garantieren. Endlich, so die Sehnsucht der TV-Planer und der Zuschauer gleichermaßen, soll man mehr von der Persönlichkeit hinter dem Amt spüren als in traditionellen Talkshows.

Dass dies an diesem Abend nicht wirklich gelingt, mag auch daran liegen, dass die Moderatoren sklavisch durch die vorbereiteten Fragen und Themenspektren jagen. Ein Gespräch kommt so nicht zustande. Aber schnell wird klar, dass hier eben auch kein zweiter Obama steht. Steinmeier lächelt, aber die Form der Sendung lässt ihn zunächst noch hölzerner wirken. Er kann nicht anders: Wird er etwa nach einer Mehrwertsteuererhöhung oder dem Mittelstand gefragt, will er genau antworten - und wird umständlich.

Mal Pfarrer, mal Lebensberater

Auch der alte Politiker-Trick im Umgang mit persönlich schwierigen Schicksalen hilft nicht. Hatte Angela Merkel einem jungen Arbeitslosen bei ihrem RTL-Auftritt noch in ein Gespräch verwickeln können, wieso er eigentlich keine Job findet, mutiert Steinmeiers bei seinen Retourkutschen etwa auf den entlassenen Berliner Hertie-Mitarbeiter Reinhard Rose mal zum Pfarrer ("Den Kopf nicht hängen lassen"), mal zum Lebensberater ("Schnell mit der Bank reden wegen des Hauskredits").

Eine kleine Katastrophe ist seine Bankberater-Frage "Wie ist denn sonst Ihre Belastungssituation?", mit der Rose erst überhaupt nichts anfangen kann. Da trifft ein Kandidat nicht die Sprache des normalen Bürgers. Und nach falscher Anteilnahme klingt es, als er einem Kurzarbeiter antwortet "Iss nicht schön".

Besser wird es paradoxerweise erst, als der Genosse Jürgen Ergenzinger den SPD-Kanzlerkandidaten darauf festnageln will, dass er selbst mit der Agenda 2010 doch Mitschuld am Erfolg der Linkspartei habe. Als Steinmeier den Angestellten bei der Antwort sofort duzt, interveniert Moderator Peter Kloeppel - "Sie dürfen jetzt zurück duzen". Dass Ergenzinger das sofort aufgreift, wirkt als Eisbrecher.

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