SPD-Parteichef unter Druck
Der dünnhäutige Herr Gabriel

Sigmar Gabriel will die Große Koalition – und die SPD-Basis soll es auch wollen. Beim Mitgliederentscheid steht für ihn viel auf dem Spiel. Das ist eine von mehreren Erklärungen, warum er bei einem Interview ausrastete.
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BerlinEines muss man Sigmar Gabriel schon lassen. Für seine SPD rackert er sich ab. Als Ober-Parteisoldat sind ihm seine Gefolgsleute besonders wichtig. Und damit sind nicht nur die Parteifunktionäre an vorderster Front gemeint. Die SPD-Mitgliederschaft liegt ihm besonders am Herzen. Aus gutem Grund.

Noch zwei Wochen hat Gabriel Zeit, jeden einzelnen der rund 470.000 Genossen davon zu überzeugen, dass es der mit der Union ausgehandelte Koalitionsvertrag wert ist, den Gang in die Große Koalition anzutreten. Dann stimmt die Parteibasis über das schwarz-rote Regierungsprogramm ab. Schmettert sie es ab, dürfte Gabriel als Parteichef kaum noch zu halten sein. Deshalb kämpfen Gabriel und andere Spitzengenossen wie Löwen dafür, dass es nicht so weit kommt. Erst nach 32 Regionalkonferenzen sollen die Mitglieder schriftlich über den Vertrag mit der Union entscheiden. Das Ergebnis soll am 14. Dezember feststehen.

Dass Gabriel unter Druck steht, ist offensichtlich. Obwohl bisher alles rund lief für ihn. Vielleicht erwartet er deshalb, dass das auch einfach mal so hingenommen wird – ohne Nörgeleien oder besserwisserische Journalistenfragen. Schon am Mittwoch, dem Tag, an dem der Koalitionsvertrag unterschrieben wurde, konnte man den Eindruck gewinnen, dass der SPD-Chef so wenig wie möglich mit kritischen Fragen konfrontiert werden will.

Als eine Journalistin in der Bundespressekonferenz mit Blick auf den Mitgliederentscheid von ihm wissen will, ob die Parteibasis auch künftig über Koalitionen mitentscheiden würde, gibt er sich betont wortkarg. Auf die Frage geht er nicht wirklich ein, weil er sie offenbar für überflüssig hält. Denn, so antwortet er der Reporterin schnippisch, in der Satzung der SPD stehe alles Wissenswerte zu Mitgliederbegehren. Thema beendet. Nur zu den Erfolgsaussichten nimmt er später noch Stellung. „Wir sind uns unserer Sache sehr sicher, deswegen gibt es kein Problem“, gibt er sich siegesgewiss. Das Votum werde seine Partei stärken. „Machen Sie sich mal keine Sorgen, ich kenne meinen Laden gut genug.“

Mit dieser Einschätzung im Rücken geht Gabriel nun auf Tuchfühlung mit der Parteibasis. Alles, was den Ablauf stören könnte, würde er am liebsten ausblenden oder gekonnt umschiffen. Doch einige Verfassungsrechtler haben inmitten seiner Werbeoffensive für ein schwarz-rotes Bündnis eine Debatte darüber angestoßen, ob es legal sei, dass SPD-Mitglieder einen größeren Einfluss auf die Politikbildung in Deutschland hätten als die Nicht-Parteimitglieder – also Millionen Wähler. ZDF-Moderatorin Marietta Slomka konfrontiert Gabriel mit den Vorwürfen – und wird von ihm dafür heftig angegangen.

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  • Ein Politiker muss sich den Fragen der Reporter stellen , ob sie ihm nun passen oder nicht .
    Sich dann aber im Ton zu vergreifen , und vielleicht noch mal gewählt werden wollen beweist doch nur die Kurzsichtigkeit dieses Politikers .
    Man sollte in seiner Partei überlegen, ob ein Herr Gabriel wirklich der richtige ist um die Interessen der Deutschen in einer großen Koalition zu vertreten .
    Ich denke eher nicht !

  • @Walter
    Ihre Meinung teile ich. Die Strategie ist neben den "Pöstchen" lediglich darauf gerichtet, die Opposition auszuschalten.

    Da haben sich die richtigen zum Deal getroffen: Merkel, Seehofer und Gabriel

    Es sind dabei nicht die Personen selbst, sondern der Hintergrund vor dem sie sich getroffen haben, wichtig. Sie haben die Opposition einfach ausgeschaltet. Sie haben sie derart ausgeschaltet wie dies nicht einmal den Bayern in ihrem eigenen Land gelungen ist und gelingt. Sie haben die Opposition nicht bei der Wahl, sondern wollen Sie danach am Strategietisch killen. Das ist demokratischer Terror, der da organisiert wurde.

    Es sollte die Frage geklärt werden, ob eine große Koalition, bei der die Opposition ausgeschaltet wird, überhaupt dem Geist des Grundgesetzes entspricht - also überhaupt zulässig ist.

  • Man muss Gabriel zu Gute halten das er noch zu jung ist, um sich an Talkshows zu erinnern, in denen unter Zigarettenoualm Politiker regelrecht verbal verprügelt worden sind.

    Heute sitzt man pro Jahr in 50- 80 Talkshows immer vorher abgesprochen was man nicht hören möchte und kommt
    im Honigschleim wieder nach Hause.

    Wenn sich da was ändern würde, dann werden alle vom Talkführer über Politiker bis zum Zuschauer am Ende endspannt sein. Wortgefechte lösen innere Spannungen auf.

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